Es war ein guter Tag für Donald Trump. Mit klaren Siegen in den wichtigen Bundesstaaten Florida und Illinois konnte der umstrittene US-Milliardär am zweiten „Super Tuesday“ am 15. März seinen Vorsprung im Rennen um die Präsidentschaftskandidatur weiter ausbauen. Weil auch Hillary Clinton überlegen gewonnen hatte, wird immer wahrscheinlicher, dass die Vertreterin der Demokraten und Donald Trump im November gegeneinander zum Showdown antreten.

Was in der Politik passiert, wird an der New Yorker Wall Street genau verfolgt. Denn es wird weitreichende Auswirkungen auf die weltgrößte Volkswirtschaft haben, wer das Land regiert. „Die Wahlen sind für Anleger ein zusätzlicher Unsicherheitsfaktor, der an den Finanzmärkten für Turbulenzen sorgen könnte“, sagt Jeffrey Hirsch, Herausgeber des Börsenbriefes „Stock Trader’s Almanac“ – und erinnert an die beiden letzten starken Kurseinbrüche der Jahre 2000 und 2008, die eng mit dem Ende der achtjährigen Amtszeit eines US-Präsidenten zusammengefallen sind.

Wettbörsen wie PredictIt beziffern die Wahrscheinlichkeit auf 62 Prozent, dass Hillary Clinton im Weißen Haus einzieht. Ihr Widersacher Sanders kommt auf nur 8 Prozent. Für den republikanischen Spitzenkandidaten Trump taxieren die Buchmacher die Chance auf einen Sieg auf 31 Prozent.

Demokraten als Lieblinge der Börsen

Behält die Wettbörse recht, wäre das ganz nach dem Geschmack der Anleger. Zwar gelten die Republikaner traditionell als wirtschaftsfreundlich. „Die Geschichte zeigt aber, dass es an der Börse besser laufen wird, wenn die Demokraten am Ruder bleiben“, weiß Sam Stovall, US-Aktienstratege von S&P Global Market Intelligence. Das zeigt auch eine Untersuchung der Fondsgesellschaft Fidelity International. Danach rückte der S&P 500 Index seit 1928 im Jahresdurchschnitt jeweils knapp zehn Prozent vor, wenn ein demokratischer Präsident regierte. Kam der mächtigste Mann der Welt hingegen aus dem Lager der Republikaner, lag das Plus im Mittel nur bei 1,8 Prozent.

Die französische Großbank BNP Paribas hat den Unterschied zwischen beiden Parteien in absoluten Beträgen betrachtet. Dabei besitzen ein Republikaner und ein Demokrat im Jahr 1945 jeweils ein Depot im Wert von 10.000 Dollar. Hätten sie ihr Erspartes immer genau dann in den S&P 500 Index investiert, wenn ihre Partei den Präsidenten stellte, hätte ein Republikaner heute rund 46.000 Dollar erwirtschaftet – während sich ein Demokrat über rund 300.000 Dollar freuen dürfte.

Wie die Parteien auf die Märkte wirken, zeigen besonders eindrucksvoll auch die aus Börsensicht erfolgreichsten und unglücklichsten Präsidentschaften. Schlusslicht bildet hier der Republikaner George W. Bush mit einem Minus von 40 Prozent in acht Jahren, vor seinem Parteifreund Richard Nixon, in dessen fünfeinhalbjähriger Amtszeit amerikanische Aktien rund ein Fünftel ihres Wertes verloren.

Am oberen Ende der Skala liegt der amtierende Demokrat Barack Obama auf Rang zwei mit einem Plus von 140 Prozent in gut sieben Jahren. Renditeträchtiger war nur die achtjährige Amtszeit von Bill Clinton, die dem S&P 500 Index ein Plus von 210 Prozent bescherte.

Nur Gerald Ford zeigte eindrucksvoll, dass auch in der Finanzgeschichte die Ausnahme die Regel bestätigt: Als der Republikaner nach dem Rücktritt von Richard Nixon die Geschäfte im Weißen Haus übernahm, stiegen US-Aktien im Schnitt um 18,6 Prozent pro Jahr.

Berlusconi mit Atomwaffen

Donald Trump hingegen sorgt schon vor seiner möglichen Wahl zum nächsten Präsidenten der USA für Nervosität an den Börsen. Immer wenn der milliardenschwere Immobilien-Tycoon mit teils tumben Kommentaren um sich schlägt, schlägt das Fieberthermometer Vix aus, das die Schwankungsbreite des US-Aktienmarktes abbildet. Der Zusammenhang zwischen Vix und der Berichterstattung über den eigenwilligen Polit-Rabauken liegt bei 0,4 – ein auffallend hoher Wert. Beobachter schließen daher schwere Verwerfungen an den Märkten nicht aus, sollte Trump seinen Siegeszug fortsetzen.

„Sofern man Wert auf eine weltweit ausgerichtete Politik und seriösen Umgang mit Andersdenkenden legt, überkommt einen beim Gedanken, dass der nächste US-Präsident Donald Trump heißt, das Gruseln“, meint Andreas Görler, Vermögensverwalter bei Wellinvest Pruschke & Kalm. An der Wall Street wird Trump schon als Berlusconi mit Atomwaffen verunglimpft. Sein Motto „Make America Great Again!“ bedeutet nach Auffassung vieler Börsianer einen Rückschlag für die Globalisierung.

Gleichwohl gibt es Unternehmen, die von Trump profitieren, etwa Waffenproduzenten wie Raytheon, Lockheed, Smith & Wesson oder General Dynamics sowie der Gefängnisbetreiber Corrections Corp. Der Ölriese Exxon könnte wiederum von der Fokussierung auf US-Öl profitieren. Technologiekonzerne wie Apple könnten hingegen unter Druck geraten, weil Trump bereits verlauten ließ, die Hightechs zu zwingen, nur noch in den USA zu produzieren. Typischerweise profitieren auch Vertreter der Kernenergie und Pharmakonzerne von republikanischen Regierungen. Manche Experten bescheinigen selbst Gold gute Chancen, solange „The Donald“ im Rennen ist.

Banken unter Druck

Wer an Hillary Clinton glaubt, sollte sich Experten zufolge die Bereiche Gesundheit, Bildung und erneuerbare Energien näher anschauen. Geht es um Clinton-Gewinner, nennen Analysten häufig den großzügigen Spendengeber Dreamworks, den Konsumgüterhersteller Procter & Gamble sowie den Mischkonzern General Electric mit seiner großen Windenergie-Sparte. Auch Gesellschaften aus der Infrastruktur oder Telekommunikation sind typischerweise Favoriten der Demokraten.

Unter Druck geraten könnten unter der Demokratin derweil die Aktienkurse von Pharma- und Biotech-Konzernen – traditionell die Favoriten demokratisch geführter Regierungen. Ihr erklärtes Ziel lautet nämlich, gegen „Wucherei“ bei Medikamentenpreisen vorzugehen, was bereits zu erheblichen Abgaben in diesem Sektor führte.

Schlechte Karten in beiden Lagern haben hingegen die Banken. „Beide Parteien werden sich im weiteren Verlauf der Wahlen klar negativ gegenüber den großen US-Finanzinstituten positionieren“, glaubt John Bailer vom Vermögensverwalter The Boston Company. Gute Chancen attestiert Bailer dagegen der Medienbranche, der in diesem Jahr allein durch den Wahlkampf mehr als elf Milliarden Dollar zukommen dürften.

Kniffliges Wahlprozedere

Trotz der klaren Siege von Trump und Clinton am „Super Tuesday“ Mitte März gilt deren Wahl zum Präsidentschaftskandidaten nicht als ausgemacht. Das komplizierte Nominierungssystem in den USA birgt zu viele Besonderheiten und macht den Weg ins Weiße Haus unübersichtlich und kompliziert. So werden etwa die Kandidaten beider Parteien nicht durch direkte Wahlen bestimmt, sondern über die Stimmen von Delegierten, die zuvor von den Bürgern einen klaren Wahlauftrag erhalten haben.

Superdelegierte bei den Demokraten wiederum sind hochrangige Mitglieder der Partei – darunter Kongressabgeordnete, Gouverneure und ehemalige Präsidenten –, die frei entscheiden können, wen sie unterstützen. Wird die Entscheidung knapp, können sie das Zünglein an der Waage sein und die Ergebnisse der Vorwahlen konterkarieren. Zwar haben auch Republikaner Superdelegierte, doch die müssen ihr Votum dem Bewerber geben, der die Vorwahl in ihrem Bundesstaat gewonnen hat.

In allen US-Bundesstaaten werden bis Juni Vorwahlen abgehalten, um den Kandidaten zu wählen, der schließlich in das Rennen um die Präsidentschaft geschickt wird. Gekürt wird der Kandidat erst auf den jeweiligen Parteitagen im Juli, im Polit-Jargon als Konvent bezeichnet. Sie dauern mehrere Tage und gleichen Krönungszeremonien. Barack Obama etwa wurde 2008 im Football-Stadion von Denver vor über 80.000 Anhängern inthronisiert.

Beim jeweiligen Konvent sind die Delegierten im ersten Urnengang zwar an das Resultat der Vorwahlen in ihrem jeweiligen Bundesstaat gebunden. Danach können die meisten von ihnen jedoch unabhängig für ihren persönlichen Favoriten stimmen. Somit, geben Beobachter zu bedenken, hätte theoretisch sogar ein Außenseiter wie der frühere Präsidentschaftskandidat Mitt Romney eine Chance, obwohl er bei den Vorwahlen nicht angetreten ist.

Entscheidung vertagt

Selbst der siegessichere Trump sitzt nicht so fest im Sattel wie es scheint. „Selbst wenn Trump mit den meisten Delegiertenstimmen zum Parteitag nach Cleveland geht, könnte so am Konvent ein Deal eingefädelt werden, um ihm die Nomination doch noch zu verweigern“, glaubt Allan Lichtman von der American University in Washington.

Trumps Gegner in der Republikanischen Partei setzen derweil auf einen neuen Hoffnungsträger: John Kasich, der Sieger von Ohio, soll den Maulhelden aufhalten. Ohne die 66 Delegiertenstimmen des bevölkerungsreichen US-Bundesstaats bleibt nämlich weiter offen, ob Trump es auf dem Parteitag in Cleveland tatsächlich gelingt, die notwendige Mehrheit von 1237 Stimmen zu erreichen. Ohne diese klare Stimmenmehrheit bleibt der Anti-Trump-Fraktion zumindest eine theoretische Möglichkeit, in einer Kampfabstimmung einen Gegenkandidaten durchzusetzen. Kasich gab sich am Abend des „Super Tuesday“ optimistisch und verkündete, er werde den Milliardär am Ende an Delegiertenstimmen übertreffen.

Bei den Demokraten spricht zwar viel für einen Sieg von Hillary Clinton. Ihr Einzug ins Weiße Haus könnte dennoch schwierig werden. Das legt zumindest ein Blick in die Geschichtsbücher nahe. „Seit dem Zweiten Weltkrieg haben nur Franklin D. Roosevelt und George H. W. Bush eine dritte Amtszeit in Folge für ihre Partei geholt“, weiß Ken Fisher, Gründer der gleichnamigen Investmentfirma in San Francisco.

Roosevelt wurde überaus geschätzt, während Bush vom Erfolg seines Vorgängers Ronald Reagan profitierte. „Diesen Vorteil hat Clinton nicht“, meint Fisher, der sogar für den Fall einer Trump-Präsidentschaft steigende Kurse sieht. Andrew Jackson war 1828 ebenso ein politischer Maulheld wie Trump und avancierte nach der Wahl zum beliebten Präsidenten. „Auch wenn es keine genauen Börsendaten aus dieser Zeit gibt, deutet wenig darauf hin, dass die Wahl Jacksons die Aktienkurse belastet hat“, gibt sich Fisher optimistisch, der mit seinem Partner Thomas Grüner 2007 die nach ihnen benannte Vermögensverwaltung gründete.

Hausgemachte Probleme

2016 ist nicht nur aus politischer Sicht ein vertracktes Jahr für die Börsianer dies- und jenseits des Atlantiks. Es gibt weitere Belastungsfaktoren, die die Anleger beschäftigen. So sorgt etwa die Zinspolitik für Verwirrung. Zwar hat die US-Notenbank Fed unter dem Vorsitz von Janet Yellen Mitte Dezember erstmals seit fast zehn Jahren die Leitzinsen erhöht. Doch musste sie mit ihren Plänen einer weiteren geldpolitischen Normalisierung schon wieder ein Stück zurückrudern.

Zudem legten die Finanzmärkte im Januar einen Fehlstart ins neue Jahr aufs Parkett. Dieser fiel in den USA trotz des Schlingerkurses bei den Zinsen zwar weniger stark als in den meisten Industrienationen aus, wurde aber trotz einer Kurserholung bis Mitte März noch nicht ganz aufgeholt.

Heiße Phase

Schließlich blicken Börsianer gespannt nach China und auf den Ölpreis. Während die Wirtschaft im Reich der Mitte immer wieder Signale einer deutlichen Abkühlung sendet, sorgt sich die US-Finanzindustrie um schwache Ölpreise. Expertenschätzungen zufolge haben Öl- und Gasunternehmen in den USA und Kanada in den vergangenen fünf Jahren rund 1,3 Billionen Dollar Fremdkapital aufgenommen. Angesichts des tiefen Ölpreises übersteigen bei vielen Förderern die Finanzierungskosten das Einnahmenpotenzial. Die US-Banken müssen sich daher auf steigende Kreditverluste im Energiesektor einstellen, zumal das Ausfallrisiko bei Hochzinsanleihen steigt.

Angesichts dieser Gemengelage verwundert kaum, dass die grundsätzlichen Erwartungen der Marktteilnehmer an die US-Börsen verhalten sind. Nur 31,2 Prozent der Marktteilnehmer sind bullish gestimmt – ein historisch niedriges Niveau. Genau darin sehen manche Experten indes eine Chance: fast immer, wenn der Anteil der Optimisten so niedrig lag, stiegen bald darauf die Kurse.

Auch rein statistisch betrachtet stehen die Chancen nicht schlecht, dass die US-Börse das Jahr 2016 im Plus beenden wird. Seit 1900 endeten die 29 Wahljahre in den USA mit einem durchschnittlichen Gewinn von mehr als acht Prozent für den Dow Jones Index. Dabei wich der Kursverlauf erheblich von den normalen Zyklen ab: Während die Notierungen im Frühjahr bis Ende Mai wegen der wahlkampfbedingten Unsicherheit häufig abbröckelten, legten sie während des Sommers zu, bevor sie zum Jahresende teils einem starken Aufwärtstrend folgten. So betrachtet dürfte die „heiße Phase“ für die Wall Street nach dem zweiten „Super Tuesday“ erst begonnen haben.