Der Sitz der Tokioter Börse liegt im östlichen Zentrum der japanischen Hauptstadt im Stadtteil Kabutochô. Mit „Kabutochô“ bezeichnet man daher oft im übertragenen Sinn die Börse, ähnlich wie „Wall Street“ als Synonym für die New Yorker Börse verwendet wird. Die Börse wurde im Mai 1878 in Tokio gegründet und 1943 mit zehn anderen kleineren Börsen des Landes zum einzigen Handelsplatz Japans vereinigt.

Zu einer weitreichenden Zäsur kam es nach den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki. Die Börse wurde für fast vier Jahre geschlossen, um im Mai 1946 unter dem heutigen Namen Tokyo Stock Exchange den Handel weiterzuführen.

Der wichtigste Index der Tokioter Börse ist der Nikkei, initiiert von der Zeitung Nihon Keizai Shimbun (kurz: Nikkei), der heute 225 Standardwerte umfasst. Dividenden, Bezugsrechte und Sonderzahlungen fließen nicht in die Berechnung ein. Damit ist der Nikkei 225 ebenso wie der amerikanische S&P 500 ein preisgewichteter Kursindex.

„Pfeilschneller“ Handel

Im Gegensatz zur Frankfurter Börse, wo es bis heute den traditionellen Parketthandel gibt, übernahmen in Tokio schon im April 1999 nur noch Computer das Kursbestimmungs-Kommando. Dennoch war der Markt lange als der langsamste der großen Börsen verschrien. Erst Anfang 2010 schloss der größte Handelsplatz Asiens dank des 145 Millionen Dollar teuren Handelssystems namens Arrowhead („Pfeilspitze“) zu den wichtigen Handelsplätzen in den USA und Europa auf. Es war 600 Mal schneller als die vorherige Technik.

Ein Aktiengeschäft wird seitdem binnen fünf Millisekunden abgewickelt, zuvor benötigten die Systeme bis zu drei Sekunden. Die Tokioter Börse rüstete das neue System mit 200 Servern aus, die an geheimen Standorten in der japanischen Megalopolis verteilt wurden.

Deutlich aussagekräftiger für den Zustand der japanischen Wirtschaft als der Nikkei-Index ist der seit 1988 berechnete Tokyo Stock Price Index, kurz Topix. Er bündelt sämtliche im amtlichen Handel zugelassenen Aktien im Land der aufgehenden Sonne. Das Gewicht jedes der aktuell mehr als 1700 Titel richtet sich nach ihrer Marktkapitalisierung. Knapp fünf Prozent entfallen allein auf den Automobilriesen Toyota Motor, zweitstärkste Aktie im Topix ist der Finanzkonzern Mitsubishi UFJ mit einem Anteil von 2,66 Prozent.

Irrationale Bewertungen

Seine wirtschaftliche Macht entfaltete Nippon erst in den 80er-Jahren des 20. Jahrhunderts, als die ganze Welt mit Autos und Hightech-Geräten „Made in Japan“ überschwemmt wurde. Der japanische Aktienmarkt vollzog diese Entwicklung in beispielloser Weise nach, zumal Japans Banken und Brokerhäuser in den späten 80er-Jahren eine gewaltige Summe an faulen Krediten aufgetürmt hatten. Gleichzeitig nutzten zahllose Firmen ihre überteuerten Grundstücke als Sicherheit, um immer neue Kredite aufzunehmen. Mit dem geliehenen Geld bauten sie Fabriken und Gebäude – die niemand benötigte.

Die Folge: Ende Dezember 1989 standen Nippon-Aktien für 60 Prozent der weltweiten Marktkapitalisierung, mit 38.957,44 Punkten markierte der Nikkei das höchste jemals erreichte Niveau. Allein der Telefonriese NTT war mehr wert als Daimler, Siemens, Allianz, Deutsche Bank, Krupp, Thyssen, BMW, Bayer, Hoechst und BASF zusammen. Auch die Immobilienpreise stiegen in astronomische Höhen: Das Grundstück des Kaiserpalastes im Herzen Tokios war so teuer wie ganz Kalifornien. Jedes Grundstück in Japan kostete durchschnittlich exakt hundertmal so viel wie sein Pendant in den Vereinigten Staaten, errechnete 1988 die Regierung in Tokio.

Beispiellose Baisse

Dann stoppte die Notenbank abrupt den künstlichen Boom in der damals zweitgrößten Industrienation der Welt: Sie erhöhte die Leitzinsen – und schickte die Kurse an der Tokioter Börse auf Talfahrt. „In drei Monaten haben wir an der Börse mehr Kapital verloren als das Bruttosozialprodukt von Australien, China, Chile, Ägypten, Spanien und Südkorea zusammengenommen“, ätzte Japans große Wirtschaftstageszeitung Nihon Keizai Shimbun nur drei Monate später und sprach vom größten Kapitalschwund „in der Weltgeschichte“.

Zu einer Erholung kam es in den folgenden Jahren nicht, zumal der japanische Leitindex im Zuge des Zusammenbruchs der New Economy kurz nach der Jahrtausendwende endgültig zum Leid-Index mutierte und bis zum 28. April 2003 auf einen Tiefststand von 7.607,88 Punkten stürzte. Alles Flehen und Beten der Aktionäre und Wertpapierhändler um Kursgewinne im Shinto-Schrein der Tokioter Börse war vergeblich. Es war nur noch reine Routine, die die Marktteilnehmer in die Verehrungsstätte trieb.

In den vergangenen Jahren gewannen Nippon-Aktien zunehmend die Gunst der Anleger. Im April 2015 erreichte die Marktkapitalisierung der 2292 in unterschiedlichen Segmenten gelisteten Aktien der Tokioter Börse mehr als 4 Billionen US-Dollar. Zwei Monate später notierte der Nikkei 225 Index mit 20.600 Punkten so hoch wie seit 15 Jahren nicht mehr.