Die Geschichte des wertvollsten börsennotierten Unternehmens der Welt begann in schlichten Verhältnissen. Johanna Schieble war 23 Jahre alt, als sie erfuhr, dass sie von ihrem syrischstämmigen Freund schwanger war. Um nicht ihre Ehre zu verlieren, zog sie von Wisconsin nach San Francisco. Dort nahm sie Kontakt zu einem Arzt auf, der sich um unverheiratete Mütter kümmerte und bei der Vermittlung von Adoptionen behilflich war. Clara und Paul Jobs, ein bescheidenes Paar, adoptierten das Neugeborene und gaben ihm den Namen Steven Paul.

„Zu wissen, dass ich adoptiert worden war, hat vielleicht dazu geführt, dass ich mir unabhängiger vorkam, aber verlassen habe ich mich nie gefühlt“, erzählte Jobs später, „ich habe mich immer als jemand Besonderes gefühlt. Meine Eltern gaben mir das Gefühl, besonders zu sein.“ Clara und Paul hatten das richtige Gespür. Dass ihr Adoptivsohn indes zu den berühmtesten Tech-Visionären der Geschichte werden würde, hätten wohl auch sie nur in ihren kühnsten Träumen zu hoffen gewagt.

Während seines Junior-Jahres an der Homestead High School im kalifornischen Cupertino  begann der 17 Jahre alte Steve, seinem Nachbarn Steve Wozniak in dessen Garage zu helfen, einen kleinen Computer aus zusammengeklaubten Ersatzteilen zu bauen. Es gab keine Tastatur und keinen Monitor, und die Speicherkapazität reichte gerade einmal für 256 Zeichen – die Geburt des Apple I. Das Startkapital des durch Ronald Wayne ergänzten Gründertrios stammte aus dem Verkauf von Jobs’ VW Bulli und Wozniaks Hewlett-Packard-Taschenrechner.

Kooperation mit Microsoft

1980 erwirtschaftete Apple erstmals einen Umsatz jenseits der 100-Millionen-US-Dollar-Grenze. Im gleichen Jahr fand auch der Börsengang statt, mit einem Marktwert von 1,8 Milliarden US-Dollar. Zum Vergleich: Heute bringt Apple mehr als das Dreihundertfache auf die Börsenwaage und ist damit das wertvollste börsennotierte Unternehmen weltweit.

1984 ging der legendäre Macintosh-Rechner an den Start, der dank seiner Maussteuerung und der grafischen Benutzeroberfläche zum Vorbild des Microsoft-Betriebssystems Windows wurde. Dennoch schrieb Apple die Bilanz in rot, weil der Verkauf des Mac hinter den Erwartungen zurückblieb. Er war zu teuer und hatte einen zu kleinen, monochromen Bildschirm, zudem gab es kaum Software dafür.

Jobs wurde bald darauf aus dem Unternehmen gedrängt und verkaufte enttäuscht sämtliche Aktien. Nur eine Aktie hielt er im Depot – „um den Geschäftsbericht zu erhalten“, wie er später zugab. Den Erlös legte er in Pixar an und gründete die Computerfirma Next. In den folgenden Jahren verschlechterte sich die Lage bei Apple weiter, 1997 drohte gar das Aus. Steve Jobs übernahm wieder die Regie und leitete die Wende ein: gleich mehrere Top-Manager mussten ihren Hut nehmen – und Jobs suchte den Schulterschluss mit dem Rivalen Microsoft. Beide lizenzierten gegenseitig ihre Patente, zudem kündigte Microsoft an, auch künftig seine Office-Produkte für den Mac zu entwickeln, während Apple den Internet Explorer 4.0 als Standard-Browser im Macintosh-Betriebssystem festlegte. Schließlich investierte Microsoft als Finanzspritze 150 Millionen US-Dollar in Apple. Mit dem iMac schaffte Jobs den Turnaround.

Gefürchtet bei den Mitarbeitern

2001 wurde für Apple zu einem der bedeutsamsten Jahre seiner Firmengeschichte. Im Herbst kam der erste iPod in die amerikanischen Verkaufsstellen. Auf seiner fünf Gigabyte großen Festplatte hatten rund 1000 Lieder Platz.

Ein weiterer Quantensprung der Apple-Story war die Lancierung des iPhone im Jahr 2007, die einer Revolution des mobilen Internets gleichkam. Heute trägt das Kult-Smartphone mehr als 60 Prozent zum Umsatz bei.

Steve Jobs war nie ein visionärer Techniker. „Steve hat nie eine Leiterplatte entworfen“, brachte es Apple-Mitgründer Steve Wozniak auf den Punkt. Bei seinen Mitarbeitern war er wenig beliebt, manche hassten ihn sogar. Sie konnten nicht verstehen, dass er schon zu Lebzeiten Legendenstatus genoss, obwohl er ein Egomane war und sich mitunter wie ein Despot verhielt. Als Chefdesigner Jony Ive etwa nach langer Suche ein mondänes Fünf-Sterne-Boutique-Hotel in London für Jobs gefunden hatte, erhielt er gleich nach dessen Einchecken einen Anruf: „Ich hasse das Zimmer, das ist ein Stück Scheiße, lass uns gehen“, polterte Jobs. Nur eine der vielen Anekdoten, die Jobs‘ Temperament belegen. „Die Angst, die Menschen im Silicon Valley vor Jobs haben, ist unglaublich“, sagte der frühere Apple-Manager Jean-Louis Gassée im Interview.

Kreativität und Wahnsinn von Steve Jobs werden auf der Website everystevejobsvideo.com deutlich, die von sich behauptet, sämtliche öffentlichen Auftritte mit allen Ausrastern des Apple-Gründers zu zeigen. Andy Hertzfeld hat bereits an den ersten Apple-Computern mitgearbeitet und schildert Jobs’ Genialität und Unzulänglichkeiten fesselnd und kurzweilig in seinem Blog „folklore.org“.

2011 starb das Mastermind an einer seltenen Form des Bauchspeicheldrüsenkrebses. Jim Cook folgte als Vorstandschef. Er schaffte es – wenn auch mit weniger Charisma –, die Apple-Story weiterzuführen. Im zu Ende gegangenen Geschäftsjahr 2014/2015 hat der Hightech-Gigant weltweit 231 Millionen iPhones verkauft und einen Nettogewinn von 53,4 Milliarden US-Dollar erzielt – mehr als eine Milliarde pro Woche.