Herr Helmer, seit Ihrer Ausbildung zum Bankkaufmann, die Sie vor 46 Jahren begonnen haben, sind Sie bei Hauck & Aufhäuser. Hatten Sie nie den Wunsch, zu einer anderen Bank zu gehen?

Das Bankhaus Aufhäuser in München hat mir eine rasche Karriere erlaubt. Die Möglichkeit, in die neu eröffnete Niederlassung Frankfurt zu gehen, habe ich gerne genützt. Obwohl Frankfurt zu dieser Zeit sicher keine Verbesserung der Lebensqualität, speziell im Vergleich mit München, war. Es gab kein Hochhaus, keine Fußgängerzonen, geringes kulturelles Angebot, die Alte Oper war eine Ruine, die gesprengt werden sollte. Nur die Frankfurter Wertpapierbörse hatte für mich eine magische Anziehungskraft. Mit 24 Jahren wurde ich Niederlassungsleiter – warum sollte ich die Bank wechseln?

In dieser Zeit haben Sie an den Märkten sämtliche Höhen und Tiefen erlebt. Was hat Sie am meisten geprägt?

Ich hatte in jungen Jahren bereits große Verantwortung und offensichtlich auch Führungsqualitäten. Die Fluktuation von Mitarbeitern in meinem Bereich war über die Jahre äußerst gering.

Woran erinnern Sie sich besonders gern?

An die vielen netten Kollegen auf dem damals noch vollen Parkett, viele Gespräche, viel Hektik, viel Spaß und Aufregung.

Was begeistert Sie am Broker-Business am meisten?

Es ist spannend, stets wirtschaftlich und geopolitisch auf dem Laufenden zu sein. Jegliche Nachricht aus Wirtschaft und Politik wird stets  umgesetzt, was sie für Auswirkungen auf Märkte oder Unternehmen haben könnte.

Welche Fähigkeiten muss ein Händler heute mitbringen, um erfolgreich zu sein?

Ich glaube, in den nächsten Jahren wird der herkömmliche Beruf des Händlers überflüssig werden. Mathematiker werden gefragt sein. Strukturierte Produkte werden übermächtig werden.

Bedauern Sie etwas, wenn Sie mehr als 45 Jahre Börse Frankfurt Revue passieren lassen?

Nein, ich bedauere keinen Tag. Erfolg und Misserfolg muss man ertragen können.

Sie waren bei der Einführung des DAX® am  1. Juli 1988 auf dem Parkett dabei. Wie haben Sie den ersten Handelstag erlebt, war es der Anbruch einer neuen Ära?

Ja, ich glaube schon. Bislang gab es nur einen FAZ- Index, den andere Zeitungen nicht wirklich leiden konnten, oder einen Commerzbank-Index, den wiederum andere Banken nicht so gerne hatten. Mit DAX hatte man nun einen international gefälligen Index in Konkurrenz zu Dow oder Nikkei.

Der Mensch spielt im Computer-Zeitalter fast keine Rolle mehr. Wünschen Sie sich manchmal die alten Zeiten auf dem Parkett zurück?

Ja klar, mir fehlen die vielen Kollegen, die vielen Gespräche auf dem Parkett.

Lassen sich große Krisen wie der Zusammenbruch des Neuen Marktes zu Beginn des neuen Jahrtausends oder die US-Finanzmarktkrise vermeiden? Gibt es ein Frühwarnsystem?

Der Zusammenbruch des Neuen Marktes war vorprogrammiert. Herkömmliche Indikationen wie etwa Kurs-Gewinn-Verhältnisse wurden nicht mehr beachtet. Die damals noch reichlich vertretenen Händler auf dem Parkett sagten: „So, jetzt haben wir einen Zockermarkt eröffnet.“ Keiner war begeistert. Heute ist eine Blasenbildung durch die Liquiditätsausweitung der Notenbanken möglich. Durch eine heftige Spread-Ausweitung bei festverzinslichen Papieren ließen sich Finanzmarktkrisen durchaus erahnen.

Sehen Sie in der Euro-Krise eine Gefahr für die Aktienmärkte?

Ich glaube, zur Zeit besteht die Gefahr für Aktienmärkte eher im geopolitischen Bereich. Die Krisen nehmen Tag für Tag zu und eine Besserung  an den vielen Brandherden der Welt ist nicht absehbar – leider.

Bundesbürger gelten als Aktienmuffel, die große Mehrheit zieht das Sparbuch vor. Was muss sich ändern, damit die Aktie mehr Anklang findet?

Durch die Geschehnisse am Neuen Markt, durch die Lehman-Krise, durch viele Bankenskandale ist das Vertrauen der Anleger stark beschädigt. Dieses Vertrauen muss durch  solide Finanzpolitik, durch erfolgreiche Unternehmen, die ordentliche Dividenden ausschütten, erst wieder gewonnen werden.

Dann werden auch wieder Aktienkäufer an die Märkte kommen.

Worauf achten Sie bei der Auswahl Ihrer eigenen Investments?

Auf erfolgreiche Unternehmen und eine gute Dividende.

Sind die Märkte heute überbewertet?

Nein, jedenfalls nicht DAX.

Wird der deutsche Auswahlindex die 10.000-Punkte-Marke bis zum Jahresende noch einmal erreichen?

Unter normalen Umständen, das heißt ohne größere politische Krisen, werden wir den DAX in diesem Jahr durchaus nochmals im fünfstelligen Bereich sehen.

Was interessiert Sie abseits der Märkte und Zahlen?

Alles, was in der Welt passiert, meine Familie, die in der Vergangenheit meist zu kurz gekommen ist, und meine Freunde.

Sie kommen auch zwei Jahre nach ihrem offiziellen Ruhestand regelmäßig ins Büro. Wann zieht sich Fidel Helmer ins Private zurück?

Ich habe noch nicht die Absicht, nicht mehr zu arbeiten. Solange meine Meinung gefragt ist, bin ich gerne zur Stelle.

Zur Person

Der 1947 geborene Münchner trat zum 1. September 1965 als Lehrling in das frühere Bankhaus H. Aufhäuser in München ein. 1970 wechselte er in die neu eröffnete Filiale des Bankhauses H. Aufhäuser nach Frankfurt am Main, deren Leitung er 1977 übernahm. Ab Ende 1990 war er für die Leitung des Wertpapierhandels an beiden Standorten verantwortlich, 1998 wurde er im Zuge der Fusion mit Georg Hauck & Sohn Bankiers in Frankfurt Leiter des Wertpapierhandels von Hauck & Aufhäuser Privatbankiers KGaA. Da Ruhestand für ihn nicht infrage kam, ist er weiterhin als Berater für das Bankhaus tätig.