In den zurückliegenden Jahren hat die zunehmende Digitalisierung schon zahlreiche Branchen revolutioniert. Nun scheint die Finanzindustrie an der Reihe.

WSpätestens als das Bundesministerium für Bildung und Forschung das Jahr 2014 zum Wissenschaftsjahr mit dem Titel „Die digitale Gesellschaft“ ausrief, dürfte auch den Letzten klar geworden sein, dass sich unsere Gesellschaft mitten in einem digitalen Wandel befindet. Dabei ist es bemerkenswert, mit welcher Geschwindigkeit sich schon in den zurückliegenden 15 Jahren der technologische Fortschritt im Bereich der Internettechnologien Bahn gebrochen hat. Zu den wichtigsten Neuerungen der vergangenen Jahre gehören bspw. das mobile Internet, selbstlernende Algorithmen, humanoide Robotik, offenes W-LAN oder selbstfahrende Autos. Die Welt steckt seit Jahren im digitalen Wandel, der bereits viele Branchen und Sektoren erfasst und revolutioniert hat. So etwa die Industrie, die unter dem Schlagwort Industrie 4.0 ihre vierte Revolution durchläuft, welche vom Internet der Dinge angestoßen wurde. In den modernen Industrieanlagen verschmelzen virtuelle Welt und physische Produktion, womit die Smart Factories in der Lage sind, in Echtzeit auf die Schwankungen bei Angebot, Nachfrage und Lieferketten zu reagieren. Bereits heute sind rund 8 Mrd. Dinge mit dem Internet verbunden, nach Einschätzung des amerikanischen Netzwerkspezialisten Cisco Systems wird sich diese Zahl in den kommenden zwei Jahren auf 25 Mrd. Einheiten mehr als verdreifachen. Die Unternehmensberatung Roland Berger sieht durch Industrie 4.0 vor allem die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Länder gestärkt, dürften doch die Produktionskosten durch die Automatisierung sinken und neue Investitionen angestoßen werden.

Inzwischen hat der digitale Strukturwandel auch die Finanzindustrie ins Visier genommen und den Druck auf die traditionellen Banken erhöht, ihr Angebot um neue Fintech-Lösungen und -Strategien zu erweitern. Fintech steht als Kurzbegriff für Financial Technologies und umfasst die Start-up-Szene im Bereich der Finanzdienstleistungen. Immer häufiger kommen leicht verständliche und kundenorientierte Finanzprodukte auf den Markt und bieten viele nützliche Apps und webbasierte Finanzdienste – gerade in den Bereichen der leicht zu standardisierenden und nicht wissensintensiven Dienste wie etwa Lösungen für den digitalen Zahlungsverkehr, Informationsdienste, Spar- und Depoteinlagen, zeitgemäßes Onlinebanking oder Finanzierungslösungen.

USA und Großbritannien als Trendsetter

Vorreiter für den neuen Megatrend innerhalb der Finanzindustrie sind insbesondere Großbritannien und die USA. Einer aktuellen Studie der Beratungsgesellschaft KPMG zufolge nimmt die Fintech-Branche inzwischen global mehr Fahrt auf. Allein im vergangenen Jahr haben sich die weltweiten Venture Capital-Investitionen in Fintech-Unternehmen gegenüber dem Vorjahreszeitraum auf 13,8 Mrd. US-Dollar mehr als verdoppelt, während das zugrunde liegende Transaktionsvolumen der einzelnen Deals deutlich gestiegen ist. Wurden zwischen 2011 und 2013 insgesamt weniger als 15 Transaktionen im Volumen von mindestens 50 Mio. US-Dollar registriert, waren es 2015 mit über 60 dieser Deals mehr als viermal so viele. Auch europäische Fintech-Unternehmen haben sich im zurückliegenden Jahr am Kapitalmarkt bedient und in 125 Finanzierungsrunden knapp 1,5 Mrd. US-Dollar an Venture Capital eingesammelt. Deutschland hat sich nach Großbritannien zuletzt zum zweitgrößten Fintech-Standort in Europa und zum viertgrößten der Welt entwickelt. Dabei hat sich die Zahl junger, innovativer Fintech-Unternehmen einer Auswertung von Ernst & Young zufolge allein im letzten Jahr von 32 auf 251 verachtfacht.

Branchenexperten rechnen für die kommenden Jahre mit einem tiefgreifenden Strukturwandel innerhalb der Finanzindustrie, bei dem Banken und Finanzinstitute zunehmend aufpassen müssen, dass ihnen die aus dem Boden sprießenden Fintechs nicht das Wasser abgraben – ähnlich bspw. wie es den Platzhirschen in der Musikindustrie, der Reisebranche oder dem Verlagswesen in den zurückliegenden Jahren ergangen ist. In einer repräsentativen Umfrage zu Jahresbeginn zeigten sich schon 72 Prozent der befragten Privatpersonen gegenüber Fintech-Angeboten offen. Ein Drittel der deutschen Teilnehmer an der Umfrage kann sich vorstellen, rund die Hälfte seiner Bankgeschäfte im Jahr 2020 über Fintech-Angebote zu erledigen. Dass sich 27 Prozent der Befragten auch für Alternativen zum privaten Konto interessieren, dürfte den Finanzinstituten zusätzlich Sorgenfalten auf die Stirn zaubern, ist das Girokonto doch das gängigste und einfachste Bindeglied zwischen Bank und Kunde.

Ein großer Teil der Kundeninteraktionen im Finanzbereich wird heute bereits über digitale Kanäle abgewickelt. Onlinebanking hat sich seit vielen Jahren längst etabliert, die Nutzer können mit wenigen Klicks den Kontostand im Auge behalten, Buchungen überprüfen oder Zahlungsaufträge in das System einstellen. Auch bei den mobilen Bezahlmethoden wächst das Angebot an nutzerfreundlichen Systemen und Apps kontinuierlich. Mobile Payment hat sich zu einem der ganz  großen Trends der letzten Jahre entwickelt. Wurden 2010 weltweit noch bargeldlose Geschäfte im Volumen von 25 Mrd. US-Dollar abgewickelt, soll sich das Transaktionsvolumen bis zum kommenden Jahr auf über 2 Bio. US-Dollar vervielfachen. Investoren haben die Chancen dieses Megatrends längst erkannt. Erst im vergangenen Jahr ließ die Positionierung des Fonds Iconic beim niederländischen Mobile Payment-Anbieter Adyen aufhorchen. Zum einen vor allem deshalb, weil sich hinter dem in der Szene als „Zuck & Friends’ Secret Billionaire Fund“ bezeichneten Fonds keine Geringeren verbergen als Technologiestars wie Mark Zuckerberg oder Twitter-Gründer Jack Dorsey. Zum anderen aufgrund des Kaufpreises, der einer Bewertung von 2,3 Mrd. US-Dollar für Adyen entsprach. Adyen agiert als Multichannel-Zahlungsanbieter, mit dessen Technologie weltweit aktive Unternehmen wie Facebook, Spotify, Uber oder AirBnB mehr als 200 verschiedene Zahlungsmethoden anbieten können.

Vorteil Fintech

Der kräftige Rückenwind für die Fintech-Anbieter verwundert nicht, sind die neuen Player doch weitaus flexibler und wendiger als die traditionellen Banken. Dieser Unterschied wird besonders bei der Kreditvergabe und Finanzierung deutlich. Über internetbasierte Kredit-Apps lassen sich heute bereits Konsumentenkredite bis zu einem bestimmten Volumen über Smartphone oder Tablet abrufen. Mit vergleichsweise wenigen Angaben durchlaufen Nutzer ein standardisiertes Bonitätsprüfungsprogramm, an dessen Ende man binnen kürzester Zeit Auskunft über die Bewilligung des nachgefragten Kreditrahmens erhält. Die Entscheidung selbst wird von einem selbstlernenden Algorithmus getroffen, der während des Vorgangs eine Vielzahl unterschiedlichster Datensätze berücksichtigt. Auch Start-up-Unternehmen, die häufig die vordefinierten Sicherheitsstandards nicht erfüllen können, fallen gerne durch das Raster der risikoaversen klassischen Geldgeber. „Crowdfunding“-Plattformen wie Companisto bieten Unternehmern und Gründern die Möglichkeit, ihre Idee einem breiten Publikum vorzustellen und ihr Projekt durch eine Vielzahl kleinerer Geldgeber finanzieren zu lassen. Dabei entscheiden die Investoren selbst, welchen Betrag sie als Kapital zur Verfügung stellen möchten, und werden im Gegenzug an den Gewinnen der Unternehmung beteiligt. Sollte es zu einem Verkauf der Gesellschaft kommen, erhalten die Mikroinvestoren entsprechend ihrem Anteil einen Teil des Verkaufserlöses.

Die Idee der Netzgemeinschaften bei der Geldanlage ist aber nicht nur auf den Bereich Venture Capital beschränkt. Unter dem Begriff „Social Trading“ schließen sich über verschiedene Internet-Plattformen immer häufiger Anleger zusammen, um einer gleichen Anlagestrategie zu folgen. Wurden in Internet-Foren früher Aktientipps herumgereicht, handeln Trader über Social-Trading-Plattformen heute ganz öffentlich, sodass für alle Nutzer der Plattform die jeweiligen Transaktionen sowie die Performance jederzeit einsehbar sind. Anleger, die von einer Strategie eines Händlers überzeugt sind, können diese Strategie manuell kopieren oder durch eine entsprechende Konfiguration des Nutzerkontos auch automatisiert nachvollziehen lassen. Apropos Automatismus:

Roboter übernehmen die Vermögensverwaltung

Die Digitalisierungswelle innerhalb des Finanzsektors macht auch vor dem klassischen Vermögensberater nicht halt, der in den nächs-ten Jahren immer häufiger durch Online-Tools ersetzt werden könnte. Robo Advice nennen Branchenbeobachter die neue Technologie, deren Algorithmen die klassische Vermögensberatung nach und nach ersetzen soll. Ähnlich wie beim automatisierten Prozess der Kreditvergabe durchläuft der Investor am PC, Tablet oder Smartphone eine Reihe Fragen bezüglich seiner grundsätzlichen Risikobereitschaft. Nachdem die eigenen Anlageziele definiert, der gewünschte Investitionszeitraum oder der präferierte Anlagemarkt gewählt ist, wirft  das System binnen Sekunden ein auf den Kunden zugeschnittenes Portfolio bestehend aus verschiedenen ETFs und Fonds aus. Dieses muss der Kunde schlussendlich per Mausklick nur noch bestätigen. Nachdem die online-basierte Vermögensanlage erstmals 2010 in den USA angeboten wurde, sprossen in den vergangenen Jahren weltweit weitere Anbieter wie Pilze aus dem Boden. Laut einer Branchenstudie von Oliver Wyman dürfte sich das per Robo Advice weltweit verwaltete Vermögen bis zum Jahr 2020 auf rund 500 Mrd. US-Dollar vervielfachen. Platzhirsch der Branche ist der erst im vergangenen Mai gestartete Vermögensverwaltungs-Roboter Personal Advisor Services des amerikanischen Fondsanbieters Vanguard, dessen verwaltetes Vermögen bis Ende 2015 von 17 Mrd. US-Dollar auf 31 Mrd. US-Dollar nach oben gesprungen ist. Dahinter folgt das Robo-Advice-Angebot Schwab Intelligent Services, dessen zugrunde liegendes Anlagevermögen sich im Jahresverlauf 2015 von 0.8 Mrd. auf 5,3 Mrd. USD mehr als versechsfacht hat. Auch deutsche Finanzinstitute wollen dem Schwund im klassischen Beratungsgeschäft nicht tatenlos zusehen und investieren kräftig in Fintech-Lösungen. So bietet die Deutsche Bank über ihre Online-Plattform Maxblue einen Robo Advisor ebenso an wie die ING DiBa, Comdirect, Targobank oder die Quirin Bank. Eine solche Verknüpfung zwischen traditionellem Finanzinstitut und modernen Fintech-Lösungen dürfte zukünftig eher die Regel als die Ausnahme sein.

Wie in vielen anderen Branchen zuvor bedeutet auch die Digitalisierungsoffensive im Finanzsektor einen Quantensprung für Anleger und Sparer. Schon heute gehen webbasierte Finanzdienstleistungen über das Angebot des klassischen Onlinebankings hinaus. Via App oder webbasierte Dienste können Nutzer über PC, Tablet oder Smartphones rund um die Uhr und ganz bequem von zuhause nicht mehr nur Überweisungen oder Börsenorder tätigen. Der Gesamtüberblick über die eigenen Finanzen inkl. Verbindlichkeiten, Versicherungen, Liquiditätsplanung etc. ist auf Knopfdruck abrufbar, inkl. Optimierungsvorschlägen. Dabei steht die Digitalisierung des Finanzsektors erst am Beginn ihrer Entwicklung. Branchenexperten zufolge dürfte Fintech 2.0 in den kommenden Jahren zu einem gewaltigen Umbruch im Finanzsektor führen.

Deutsche Börse setzt nachhaltig auf Fintech

Fintech-Initiativen gehören zu den zentralen Bausteinen der Wachstumsstrategie „Accelerate“ der Deutschen Börse. Daher hat der Börsenbetreiber Mitte Juni die Corporate Venture Capital-Plattform DB1 Ventures ins Leben gerufen, die zukünftig neue Beteiligungen eingehen und die bestehenden Minderheitsbeteiligungen aktiv verwalten soll. DB1 Ventures wird dabei ausschließlich in Unternehmen investieren, denen eine strategische Bedeutung für die Weiterentwicklung der Deutschen Börse zugetraut wird, wobei der Fokus der Investments klar auf Fintech-Gesellschaften ausgerichtet ist. Im Juli des vergangenen Jahres hatte der Konzern bereits die Frankfurter Devisenhandelsplattform 360T für 725 Mio. Euro übernommen, wodurch 360T zum bis dato wertvollsten deutschen Fintech-Start-up wurde. Als einer der ersten Konzerne unterstützt die Deutsche Börse zudem die Fintech-Offensive der Hessischen Landesregierung und bietet Start-ups im Ende April eröffneten „FinTech Hub“ in Frankfurt kostenfreie Arbeitsplätze und ein breites Netzwerk.