Juli 1988: Die Mauer teilte Deutschland in Ost und West. In München holten sich die Niederlande mit einem Zwei zu Null gegen die UdSSR die europäische Fußballkrone. Steffi Graf schrieb Tennisgeschichte und besiegte Martina Navratilova im Endspiel von Wimbledon. Zur gleichen Zeit gab in Frankfurt ein Börsenindex sein Debüt, der seitdem als Seismograph der deutschen Wirtschaft gilt.

DAX-Gründungsmitglieder auf einen Blick
Allianz, BASF, Bayer, BMW, Bayerische Vereinsbank, Bayerische Hypo-Bank, Commerzbank, Continental, Daimler, Degussa, Deutsche Babcock, Deutsche Bank, Dresdner Bank, Feldmühle, Henkel, Hoechst, Karstadt, Kaufhof, Linde, Lufthansa, MAN, Mannesmann, Nixdorf, RWE, Schering, Siemens, Thyssen, Veba, Viag und VW.

Es waren die Arbeitsgemeinschaft der Deutschen Wertpapierbörsen, die Frankfurter Wertpapierbörse und die Börsen-Zeitung, die DAX aus der Taufe hoben. Ob börsentäglich im „heute-journal“, an manchem Stammtisch in bierseliger Stimmung oder in den großen Illustrierten: Die drei Buchstaben sind längst in den allgemeinen Sprachgebrauch eingegangen, der Index hat sich zu einem der weltweit wichtigsten Börsenbarometer gemausert. Dabei wurde er zunächst unter dem Namen DAI eingeführt, wegen der japanischen Anmutung aber schon nach wenigen Tagen in Anlehnung an „Exchange“ als englische Bezeichnung für Börse in DAX umbenannt.

1.163 Punkte zeigte die Anzeigetafel im Frankfurter Börsensaal zum Start am 1. Juli 1988.

Willkommen im Club

Die wichtigsten Kriterien für die Aufnahme in den exklusiven Club sind bis heute Marktwert und Börsenumsatz. Kein Konzern ist DAX-Mitglied auf Lebenszeit, jedes Jahr entscheidet der Arbeitskreis Aktienindizes der Deutschen Börse neu über die Zusammensetzung. Auch Zusammenschlüsse, Übernahmen oder wirtschaftliche Engpässe einiger Firmen führen immer wieder zu Veränderungen in DAX, der im Sekundentakt zwischen 9.00 und 17.30 Uhr basierend auf den Aktienkursen aus dem elektronischen XETRA-Handel berechnet wird.

Manche Konzerne aus dem Gründungsjahr wie Feldmühle Nobel oder Deutsche Babcock sind längst vom Kurszettel verschwunden – andere wie Kaufhof, Dresdner Bank, Degussa oder Hoechst fusionierten oder wurden geschluckt. Heute gibt es noch 15 Aktien, die seit der ersten Stunde ununterbrochen dabei sind: Allianz, BASF, Bayer, BMW, Commerzbank, Daimler, Deutsche Bank, Eon (entstanden aus der Fusion der Mischkonzerne VEBA und Viag), Henkel, Linde, Lufthansa, RWE, Siemens, ThyssenKrupp und Volkswagen.

Weltrekord für einen Tag
Einen Rekord der besonderen Art stellte im Oktober 2008 VW auf. Im Zuge der Übernahmeschlacht zwischen Porsche und Volkswagen hatten viele Investoren auf fallende VW-Kurse gewettet. Als Porsche jedoch bekannt gab, Zugriff auf gut 74 Prozent der VW-Papiere zu haben, kam es zum sogenannten Short Squeeze: Leerverkäufer mussten sich mit Aktien eindecken, und zwar um buchstäblich jeden Preis. Die Volkswagen-Aktie explodierte daraufhin am 28. Oktober 2008 zeitweise auf mehr als 1000 Euro, der Wolfsburger Autobauer war einige Stunden lang der teuerste Konzern der Welt.

Continental war zwar auch Mitglied des Ur-DAX und ist heute im Index vertreten, der Automobilzulieferer stieg aber zwischenzeitlich zweimal auf und ab. Das kürzeste Intermezzo gab Lanxess. Die Bayer-Abspaltung war am 31. Januar 2005 für genau einen Tag in der Riege der Großen 30, um die Gewichtung der Konzernmutter neu zu justieren. DAX umfasste an diesem Tag – einmalig in seiner Geschichte – 31 Einzelwerte. Insgesamt schafften es 53 unterschiedliche Gesellschaften in die erste deutsche Börsenliga.

Wechselvolle Geschichte

Die Basis des DAX wurde per 31. Dezember 1987 auf 1.000 Punkte festgesetzt. Um eine historische Wertentwicklung zu ermöglichen, rechnete Frank Mella, damals Redakteur bei der Börsen-Zeitung und DAX-Erfinder, den Index auf täglicher Basis bis 1959 zurück. Die Entwicklung des Gradmessers der deutschen Konjunktur verlief höchst wechselhaft. Den bis heute größten Tagesverlust gab es am 16. Oktober 1989, als DAX um 12,8 Prozent auf 1.385 Punkte einbrach. Auslöser war die Nachricht vom fehlgeschlagenen Übernahmeversuch der US-Fluggesellschaft United Airlines. Knapp zwei Jahre später, als russische Reformgegner am 19. August 1991 gegen den sowjetischen Staats- und Parteichef Gorbatschow putschten, taumelte DAX um 9,4 Prozent gen Süden und ging mit 1.498 Punkten aus dem Handel.

Es folgte eine lange Aufwärtsbewegung, getrieben von der Revolution der Informationstechnik und der Öffnung der Grenzen. Alleine in den Jahren 1993 und 1997 ging es um jeweils knapp 50 Prozent nach oben. Die Folge: Am 20. März 1998 schloss der deutsche Blue-Chip-Index erstmals über der 5.000-Punkte-Marke. Knapp zwei Jahre danach, am 7. März 2000, erklomm er mit 8.136 Punkten im Handelsverlauf einen für viele Jahre nicht mehr gesehenen Höchststand.

Denn danach wirkte die Schwerkraft auf die Aktienkurse. Als Infineon-Chef Ulrich Schumacher zum Börsengang seines Unternehmens mit einem Porsche vor der Frankfurter Börse posierte, die Deutsche Telekom mehr als 100 Euro je Anteilschein kostete und ein fränkischer Fondsmanager wegen seiner kühnen Prognosen als „Mister Dausend Prozent“ gefeiert wurde, war der vorläufige Höhepunkt erreicht. Ab März 2000 platzte die New-Economy-Blase und setzte einen Abschwung in Gang, der drei Jahre anhalten sollte. DAX knickte um knapp 73 Prozent ein, ehe er am 12. März 2003 bei einem Schlussstand von nur noch 2.203 Punkten seine nervenaufreibende Talfahrt beendete.

Auf dem Weg dahin erlebte er am 11. September 2001 einen seiner schwärzesten Tage. Die Anschläge auf das New Yorker World Trade Center schickten den Index um 8,5 Prozent in die Tiefe und sorgten für den bis heute viertgrößten Einbruch in seiner so wechselvollen Geschichte. Das schwärzeste Jahr folgte im Jahr darauf. Der Verlust von 44 Prozent übertraf sogar den rabenschwarzen, von der weltweiten Finanzkrise geprägten Börsenjahrgang 2008.

Doch allen Kassandra-Rufen zum Trotz berappelte sich das Blue-Chip-Barometer ab März 2003 wieder – just am Tag der Bombardierung des Irak durch amerikanische Truppen. Die alte Börsenweisheit – „Kaufen, wenn die Kanonen donnern“ – wurde auf makabre Weise Wirklichkeit. Flankiert von niedrigen Zinsen, war es vor allem die immer größer werdende Mittelschicht in den Entwicklungsländern, die mit ihren steigenden Konsumbedürfnissen die Weltwirtschaft – und damit auch die Aktienkurse – über mehrere Jahre vorantrieb. Im Juli 2007 erreichte DAX mit rund 8.151 Punkten einen neuen Höchststand.

In ausländischer Hand

Ein bedeutendes Datum in der ereignisreichen Historie des deutschen Leitindex, der immer wieder zum Leid-Index mutierte, ist der Dezember 2007: Erstmals befanden sich die 30 größten deutschen börsennotierten Konzerne mehrheitlich in der Hand ausländischer Investoren. Gegenüber 2005 war ihr Anteil um 20 auf 53 Prozent gestiegen.

Gerade das, mutmaßen Experten rückblickend, könnte indes den DAX-Absturz im Zuge der weltweiten Finanzkrise beschleunigt haben, die im Sommer 2007 auf dem US-Immobilienmarkt begann. Als die Preisblase platzte, gerieten die Banken in Bedrängnis und setzten einen Teufelskreis in Gang. Der Zusammenbruch der US-Investmentbank Lehman Brothers und die Teilverstaatlichung der Commerzbank beschäftigt bis heute die Gemüter.

Die Weltwirtschaft steuerte auf einen Abgrund zu. Fast täglich wurden neue Horrormeldungen aus der Bankenwelt bekannt, ängstliche Analysten rechneten schon mit dem Zusammenbruch des internationalen Finanzsystems. Am 9. Oktober 2008 schloss DAX mit 4.887 Punkten erstmals seit dem November 2005 wieder unter der Grenze von 5.000 Punkten.

Selbst das war noch nicht das Ende der Talfahrt: Die Angst vor einer Weltwirtschaftskrise von nie gesehenem Ausmaß gipfelte in einem Abwärtssog, der erst am 6. März 2009 auf einem Niveau von 3666 Punkten seinen Tiefpunkt erreichte – 55 Prozent unter dem Allzeithoch vom 16. Juli 2007. Es war eine weitere Börsenweisheit, die sich in jenen Tagen geradezu paradigmatisch veranschaulichen ließ: „Buy the Dip“. Wer gute Nerven hatte und dieses Motto befolgte, hat heute allen Grund zur Freude: Bis zum Allzeithoch von 10.028,80 Punkten im Juni dieses Jahres legte der Index um 174 Prozent zu.

Keine Angst vor neuen Höhen

Geht es nach den Experten, müssen die jüngsten Rekordhochs nicht das Ende sein. Ein Blick in die Geschichte der Kapitalmärkte zeigt, dass aus den größten Krisen immer wieder neue, lange Wellen des Wachstums hervorgegangen sind. Hans-Jörg Naumer, Leiter Kapitalmarktanalyse bei Allianz Global Investors, spricht von sogenannten Kondratieff-Wellen, benannt nach einem russischen Ökonomen, der in der Wirtschaftsentwicklung Muster entdeckte, die sich über Jahrzehnte und Jahrhunderte erstrecken.

Weiteres Potenzial birgt aber auch die Tatsache, dass DAX als sogenannter Performance-Index (Dividenden werden reinvestiert) berechnet wird und sich damit wesentlich von seinen berühmten Pendants wie dem amerikanischen S&P 500, dem japanischen Nikkei 225 und auch dem EURO STOXX 50® unterscheidet, die als Kursindizes berechnet werden.

Der Unterschied ist enorm: Rechnet man die Dividenden aus dem populären Performance-Index heraus, errechnet sich ein DAX-Stand von nur rund 5.050 Punkten. Und das offenbart erhebliches Nachholpotenzial: Während die US-Vorzeige-Kursindizes S&P 500 und Dow Jones Industrial um ihre Allzeithochs pendeln, notiert DAX in der Kursindex-Version noch weit unter seinem Rekordstand vom März 2000 mit 6.266 Punkten. Höhenangst sieht anders aus.

Selbst 40.000 Zähler müssen kein Hirngespinst unverbesserlicher Optimisten sein. Diese Marke wird Wirklichkeit, wenn man den durchschnittlichen Wachstumstrend fortschreibt. Seit seiner Einführung am 1. Juli 1988 hat der Aktienindex eine jährliche Rendite von 8,9 Prozent gebracht, rechnet die Dekabank vor. Und wenig spricht dagegen, dass das nicht auch künftig möglich sein sollte. Die Deutschland AG präsentiert sich in guter Kondition und zählt unbestritten zu den Globalisierungsgewinnern. 70 Prozent der Umsätze aller DAX-Titel werden außerhalb Deutschlands erwirtschaftet, ein großer Teil davon in den schnell wachsenden Schwellenländern, in denen noch jahrelanges Wachstum wartet.

„DAX 10.000 – kein Grund zur Panik“, bringt es Allianz Global Investors Stratege Hans-Jörg Naumer auf den Punkt. Sein Tipp: „Bei der Kapitalanlage bleibt das größte Risiko, vermeintlich kein Risiko einzugehen. Aktien gehören in (fast) jedes Depot.“

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