Nach einer Berechnung des Deutschen Aktieninstituts besaßen Ende 2013 nur 14 Prozent der deutschen Haushalte Aktien oder Aktienfonds. Als „Rückschlag für die Aktienkultur“ bezeichnete DAI-Geschäftsführerin Christine Bortenlänger die Renitenz deutscher Sparer, die traditionell Kapitalmarktprodukte vorziehen, die ihnen – bei möglichst geringem Risiko – überschaubare Zinserträge bescheren.

Mit der Nullzinspolitik der Europäischen Zentralbank bringen derlei Produkte indes so gut wie keine Zinserträge mehr. Die als sicher geltende zehnjährige Bundesanleihe rentiert gerade noch mit 0,7 Prozent, Sparbücher werfen noch weniger ab. Gute Chancen also, dass das Deutsche Aktieninstitut künftig mehr Aktienbesitzer registriert. „Aktien sind das Sicherste, was man haben kann, man wird Realeigentümer an den Unternehmen und hat einen Anspruch auf die Dividenden“, bringt es Hans-Werner Sinn, Präsident des ifo Instituts für Wirtschaftsforschung, auf den Punkt.

Spannende Fahrt
2014 war ein kurvenreiches Börsenjahr. Was wartet 2015 hinter dem nächsten Kursknick? Die Prognosen reichen von 9.500 (DZ Bank) bis 11.200 (Unicredit).

In der Tat dürften die meisten DAX®-Unternehmen die Dividende in diesem Jahr anheben. Die Analysten der Commerzbank etwa gehen davon aus, dass die Dividendensumme der DAX-Unternehmen für das Geschäftsjahr 2014 voraussichtlich um 13 Prozent höher sein wird als für das Jahr zuvor. 30,3 Milliarden Euro dürften an die Anteilseigner fließen, so viel wie nie zuvor.

Im Schnitt dürften die 30 wichtigsten börsennotierten deutschen Gesellschaften im Schnitt knapp drei Prozent ausschütten – deutlich mehr als die dürftigen Kupons am Anleihemarkt. „Die erwartete DAX-Dividendenrendite liegt rekordhohe 140 Basispunkte über der Rendite von Euro-Unternehmensanleihen“, rechnet die Commerzbank vor.

Gleich 19 Vertreter aus dem deutschen Vorzeigeindex werden ihre Dividende anheben, während mit E.ON bisher nur ein Unternehmen eine Kürzung angekündigt hat. Sechs DAX-Vertreter zeigen sich besonders spendabel: Volkswagen erhöht um 990 Millionen, Allianz um 770 Millionen, BMW um 330 Millionen, die Deutsche Bank und Daimler um jeweils 270 Millionen sowie Siemens um 250 Millionen Euro. Die höchste Dividendenrendite winkt beim Versicherungsriesen Munich Re, der Ende April 7,50 Euro je Aktie auszahlen wird – was einer Rendite von 4,9 Prozent entspricht. Auch ein Blick in die zweite Reihe lohnt. Das Bankhaus Metzler favorisiert die Dividendentitel Axel Springer, Deutsche Euroshop und Fielmann.

Europäische Dividendenkönige

Noch höher als im DAX fallen die Renditen im Euro Stoxx 50 aus. Europas Elite wird voraussichtlich 90 Milliarden Euro ausschütten. Bei einer Marktkapitalisierung von 2,5 Billionen Euro kommt das einer attraktiven Dividendenrendite von 3,5 Prozent gleich. Nach Daten von Bloomberg dürften die Standardwerte im Euro Stoxx 50 in diesem Jahr gar eine durchschnittliche Rendite von 4,1 Prozent erreichen.

Dividendenstarke Unternehmen sind indes nur dann kaufenswert, wenn zuverlässig gezahlt wird. Die Landesbank Baden-Württemberg hat daher ein Modell entwickelt, das sich auf eine nachhaltige Dividendenausschüttung konzentriert. Zu den europäischen Dividendenkönigen küren die Schwaben neben dem Baukonzern Vinci und dem Energiekonzern Eni die Allianz, Munich Re und den französischen Ölriesen Total.

Sind die Dividenden eine verlässliche Größe bei der Aktienanlage, zeigen sich die Auguren hinsichtlich der Entwicklung der Kurse uneins. Während die genossenschaftliche DZ Bank nur 9.500 DAX-Zähler zum Jahresende erwartet, rechnet die Deutsche Bank mit einer deutlichen Aufwärtsbewegung. Auf 11.500 Punkte könnte der deutsche Blue-Chip-Index steigen, meint Ulrich Stephan, Chef-Anlagestratege für Privat- und Geschäftskunden des Geldhauses.

Getragen wird diese Entwicklung vor allem von einer Ausweitung der Gewinnexpansion. Die Experten um Ulrich Stephan trauen den DAX-Unternehmen ein Gewinnplus von jeweils 9 Prozent in diesem und im kommenden Jahr zu. Zudem rechtfertige das gegenüber dem Vorkrisenjahr 2007 rund ein Fünftel höhere Ertragsniveau der Firmen steigende Kurse.

Als weitere Triebfedern für die erwartete Aufwärtsbewegung ortet die Deutsche Bank neben dem Wachstum der Weltwirtschaft auch den weiter sinkenden Kurs des Euro. Die Gemeinschaftswährung wird sich auf 1,15 verbilligen, glaubt Anlageprofi Stephan.

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Weggabelung in der Geldpolitik

Erhebliche Auswirkungen auf die Entwicklung der Märkte dürften die auseinanderdriftenden Strategien der wichtigsten Notenbanken mit sich bringen. Im Gegensatz zur US-Notenbank, so das Credo fast aller Beobachter, wird die Europäische Zentralbank weiter eine expansive Geldpolitik verfolgen.
Viele Experten halten es gar für sehr wahrscheinlich, dass weitere quantitative Lockerungsmaßnahmen auch den Kauf von Unternehmens- und Staatsanleihen einschließen werden. „Sollte die EZB rund eine Billion Euro für Asset Backed Securities, Kreditverbriefungen und Staatsanleihen ausgeben, entfallen ca. 95 bis 120 Milliarden Euro auf deutsche Adressen“, rechnet etwa Hans Bernecker, Herausgeber des Börsenbriefs „Die Actien-Börse“ vor.

Gemäß den Kapitalvorgaben für Banken, genannt Basel III, dürften so nach Meinung des langjährigen Marktkenners rund 50 bis 60 Milliarden Euro für Aktienkäufe im DAX und MDAX frei sein. Das wären 5 bis 6 Prozent des gesamten Marktwertes beider Indizes oder mehr als 12 Prozent von deren frei verfügbaren Aktien. Anders präsentiert sich die Lage in den USA, wo die Wirtschaft in diesem Jahr kräftig um 3,5 Prozent wachsen dürfte. Dass die US-Notenbank an der Zinsschraube drehen wird, scheint damit vorprogrammiert. Die Frage ist nur, wann die Federal Reserve zum ersten Mal seit Ende Juni 2004 – nach dann fast 11 Jahren – ihre Leitzinsen anheben wird.

„Das Ende des QE-Prozesses der geldpolitischen Lockerung dürfte die Wall Street belasten und ist auch für die europäischen Märkte nicht hilfreich (Anm. d. Red.: QE = Quantitative Easing)“, gibt Dr. Jens Ehrhardt, Gründer und Vorstandsvorsitzender der Münchener DJE Kapital AG, zu bedenken. „In den USA, weil die Aufwärtsbewegung sehr stark mit Rückkäufen eigener Aktien durch die Unternehmen zu begründen war – und in Europa, weil das Gros der dortigen Aktien von US-Amerikanern gekauft wurde.“

Robert Halver, Kapitalmarkt-Experte der Baader Bank, ist sich hingegen „sehr sicher, dass der 2015 beginnende Zinserhöhungszyklus nicht annähernd die Dimensionen wie in früheren restriktiven Zinszeiten annehmen wird“. Vielmehr geht er davon aus, dass die Chefin der US-Notenbank, Janet Yellen, sehr behutsam vorgehen wird. Deutliche Zinssteigerungen wie zwischen 2004 und 2006 drohen für den Börsenprofi nicht. Ansonsten riskiere die Federal Reserve ein Platzen der globalen Anleihenblase und eine weltwirtschaftsschädliche Kapitalflucht aus den Schwellenländern (dazu mehr in Robert Halvers Kolumne auf S. 15).

Gute Chancen attestiert Halver substanz- und gewinnstarken Industrie-, Konsum- und Pharmawerten aus dem Dow Jones oder dem S&P 500 – während er bei Technologieaktien zur Vorsicht rät: „Sie sind grundsätzlich höher bewertet und verfügen häufig über weniger finanzielle Substanz. Bei Zinserhöhungen werden sie naturgemäß stärker abgestraft.“

Gradmesser der US-Konjunktur

Noch etwas optimistischer ist Adam Parker von Morgan Stanley: Zusammen mit einem Gewinnwachstum von 7 Prozent bei den Unternehmen sieht er den S&P 500 zum Ende nächsten Jahres bei 2.275 Zählern.

Die Deutsche Bank hält dank des kräftigen Wachstums der US-Wirtschaft und der Währungsperspektiven den Kauf von US-Aktien für interessant. Für den S&P 500 rechnet das Finanzhaus mit einem Anstieg auf 2.150 Punkte. David Kostin, Aktienstratege bei Goldman Sachs, geht noch weiter: Die Zinsanhebungen der US-Notenbank würden nicht zu einer Kehrtwende am US-Aktienmarkt führen. Im Jahr 2018 hält er beim S&P 500 Index 2.400 Punkten für möglich.

Blick über den Tellerrand

Jenseits der USA und Europa rücken die Schwellenländer zunehmend in den Fokus der Investoren. Während Südamerika mit teils hausgemachten Problemen kämpft, steht vor allen Asien im Blickfeld. Die Credit Suisse hält den Kontinent vor allem gemessen am Kurs-Buchwert-Verhältnis für sehr günstig bewertet und rät zum Kauf des breit streuenden MSCI Asia Index.

Geht es um Asien, kommt kaum ein Anleger an China vorbei, dessen Auf und Ab der Wirtschaft den Puls der Weltkonjunktur beeinflusst. Xing Hu, Leiter Aktien China bei Edmond de Rothschild Asset Management, hält nichts von der vielfach geäußerten Sorge vor einem Nachlassen der Wirtschaftskraft im Reich der Mitte: „Wir rechnen damit, dass das chinesische Bruttoinlandsprodukt um 7,2 Prozent wächst, das ist mehr als der Markt erwartet.“ Besonders zuversichtlich ist er für die Gewinnaussichten und Investmentmöglichkeiten in Chinas New Economy. „Diese Unternehmen werden sich weiter überdurchschnittlich entwickeln und langfristig die Gewinner sein.“

„Wir rechnen damit, dass das chinesische Bruttoinlandsprodukt um 7,2 Prozent wächst …“ Xing Hu, Leiter Aktien China, Edmond de Rothschild Asset Management

Für Teera Chanpongsang, Fondsmanager bei Fidelity Investments, ist Indien „eine der hervorragendsten Anlagechancen im asiatischen Raum. die sich bieten wird“. Die neue unternehmensfreundliche Regierung von Narendra Modi dürfte die dringend benötigten Reformen umsetzen und die Bürokratie im Land reduzieren und werde die Grundlage für hochwertige Infrastrukturinvestitionen und einen erneuten Anstieg des Konsums schaffen.

Zeitenwende beim Öl

Egal ob Schwellenländer oder Industriestaaten – der stark gesunkene Ölpreis dürfte wie ein weltweites Konjunkturprogramm wirken. Im Dezember wurden für ein Barrel (159 Liter) der Sorte West Texas Intermediate nur noch knapp 60 Dollar bezahlt – nach rund 107 Dollar im Juni. Einen der Hauptgründe des Absturzes sehen Energie-Experten im sinkenden Verbrauch. Die OPEC senkte ihren für dieses Jahr geschätzten Bedarf an OPEC-Öl um 280.000 auf 29,82 Millionen Barrel pro Tag. So niedrig war die Nachfrage seit dem Jahr 2004 nicht mehr. Gleichzeitig steht dem niedrigeren Bedarf an OPEC-Öl ein Produktionsziel von 30 Millionen Fass pro Tag gegenüber.

Das steigende Angebot drückt auf den Preis. In diesem Jahr bahnt sich beim schwarzen Gold eine Zeitenwende an: Laut der Internationalen Energieagentur werden die USA wieder mehr Öl produzieren, als sie selbst benötigen. Zudem werden die Vereinigten Staaten wohl schon in diesem Jahr Saudi-Arabien als größten Ölproduzenten ablösen.

Zwar ächzen produzierende Staaten wie Iran, Venezuela und insbesondere Russland, doch geht der Internationale Währungsfonds davon aus, dass ein Preisrückgang um 30 Prozent das Wirtschaftswachstum in Öl importierenden Ländern um zusätzliche 0,8 Prozent anschiebt. Für die USA prognostizieren die Experten ein Plus von 0,6 Prozent, was in ein Gesamtwachstum von 3,5 Prozent mündet.

UniCredit-Deutschland-Chefvolkswirt Andreas Rees taxiert die Gesamtentlastung für deutsche Unternehmen und Verbraucher auf etwa 35 Milliarden Euro in diesem Jahr. Diese Summe entspricht gut 1 Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Das gilt nicht nur für die heimische Wirtschaft. „Das ist wie eine riesige Steuersenkung für die ganze Welt“, meint Laurence Fink, Chef des größten Vermögensverwalters BlackRock. Blickt man auf die unterschiedlichen Sektoren, gilt die Luftfahrtbranche als größter Nutznießer des billigen Öls.

Vielfalt ist Trumpf

Geht es um Geld, gilt auch in diesem Jahr: Nur wer bereit ist, ins Risiko zu gehen, kann im andauernden Niedrigzinsumfeld positive Renditen erwirtschaften. Gerade die diversen geopolitischen und monetären Einflüsse sowie das regional stark unterschiedliche Wirtschaftswachstum machen es unabdingbar, das Ersparte breit über Anlageklassen, Regionen und Währungsräume zu streuen. So lässt sich flexibel und schnell auf mögliche Marktverschiebungen reagieren.

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