Das Beste dieser Welten zu vereinen war das Ziel, als Martin und Friedhelm Wiesmann 1988 ihre Arbeit aufnahmen und die Wiesmann GmbH gründeten. Den nötigen Stallgeruch brachten sie von zuhause mit: Ihre Eltern besaßen ein eigenes Autohaus im münsterländischen Dülmen. Der Gecko im Logo der Wiesmann-Fahrzeuge soll symbolisieren, dass die Fahrzeuge „auf der Straße kleben wie Geckos an der Wand“.

Von 1988 bis 2013 produzierte der Inbegriff eines erfolgreichen Kleinserienherstellers rund 1600 Nobel-Sportwagen. Dann wurde es wirtschaftlich eng, „Made in Germany“ wurde zu teuer. Im August 2013 musste die Sportwagenschmiede beim Amtsgericht Münster das Insolvenzverfahren beantragen.

Kein Raum für Kompromisse

Fans edler Sportkarossen in aller Welt bedauern dies bis heute. Mehr als ein kleiner Trost: Gute Gebrauchte vermitteln den gleichen Fahrspaß wie fabrikneue Sportler. Der Produktionsaufwand war immens – mit entsprechender Auswirkung auf die Lebensdauer der Wiesmann-Wagen. Rund 350 Stunden benötigten Spezialisten für jeden Sportwagen, dessen Antriebstechnik aus dem Hause BMW stammt. Sämtliche Kabelbäume und Verkabelungen wurden einzeln pro Fahrzeug per Hand erstellt, in der eigenen Sattlerei neben der Manufaktur entstanden die Schnittmuster des Interieurs.

Hunderte von Leder- und Stoffsorten standen zur Auswahl, die gut betuchten Kunden konnten selbst die Bestickung der Oberfläche wählen. Für den Außenauftritt standen 30.000 Lacke zur Wahl. Made in Germany war keine hohle Floskel, sondern Programm: Die gut geschulten Mitarbeiter führten sämtliche Verarbeitungsschritte in der Dülmener Manufaktur durch. Die Vor- und Endmontage erfolgt per Hand.

Bis heute beliebt sind die Roadster MF4 und MF4-S, die als klassische Zweisitzer mit ihrem abgerundeten Heck und der langen Haube wie eine Hommage an den legendären Austin Healey 3000 wirken. „MF“ steht für die Anfangsbuchstaben der beiden Vornamen der Firmengründer. Die Karosserie besteht aus hochwertigem, glasfaserverstärktem Verbundwerkstoff.

Bassiges Brüllen

Die Sitzposition ist extrem tief, die Sitze lassen sich maßschneidern und liegen entsprechend eng an. Das Einsteigen gleicht eher einem Einfädeln ins handgearbeitete Leder. Vor allem der Beifahrer muss sich wegen des breiten Mitteltunnels in Bobfahrer-Manier ins Auto schrauben.

Wer das Stoffverdeck bequem per Knopfdruck öffnen möchte, sucht vergeblich nach dem Sesam-Öffne-Dich. Vielmehr ist Muskelkraft gefragt. Schnell gewöhnt man sich daran und genießt es schließlich, den Wiesmann von Hand zu entblättern. Dass die Instrumente im Wiesmann zentral in der Mittelkonsole liegen, bedarf hingegen mehr Eingewöhnungszeit. Es kann schnell teuer werden, dass auch der Tacho abseits des Blickfelds liegt, denn oft ist das Tempolimit viel zügiger erreicht, als man meint.

Das verwundert kaum, sorgen bei dem stilvollen Sportler doch 367 Pferde in der MF4-Version und 420 PS beim MF4-S für Vortrieb. Die V8-Motoren werden von zwei Turboladern unter Druck gesetzt. Ein kurzer Druck auf den silberfarbenen Startknopf ,und schon meldet sich das Triebwerk mit sonorem Wummern zum Dienst. Bei höherer Drehzahl mutiert es zum bassigen Brüllen. Mancher Passant am Straßenrand dreht den Kopf, Finger zeigen zum Fahrzeug, mitunter wird ein Smartphone zur Aufnahme gezückt.

4,6 Sekunden dauert es, den 1455 Kilogramm leichten stilvollen Sportler auf 100 Stundenkilometer zu beschleunigen. Schluss ist erst, wenn die Nadel auf 291 steht. Und der 4,23 Meter lange MF4 pappt geradezu auf der Straße – wie der Gecko an der Wand. Gas sollte, gerade bei kernigen Kurvenfahrten, lieber bedacht gegeben werden. Zu schnell könnte der bärenstarke Hecktriebler ausbrechen. Gebraucht kostet ein gut ausgestatteter MF4-S aus dem Jahrgang 2012 mit rund 30.000 Kilometern etwa 140.000 Euro. Ein 343 PS starker MF3, der im Herbst 2013 die Manufaktur in Dülmen verließ und seither nicht einmal 1.000 Kilometer gefahren wurde, war im März für 145.000 Euro zu haben.