Kapitänin Ettlin, wie kommt man als Schweizerin zur See? Die Eidgenossen sind nicht unbedingt als Seefahrernation in die Geschichtsbücher eingegangen.

Wir Schweizer haben eine Handelsflotte von ungefähr 20 Schiffen (lacht). In meiner Familie hat aber niemand etwas mit der Seefahrt zu tun gehabt. Ich habe im Hotelbereich auf einem Schiff angefangen und schon immer Gefallen an der Technik gefunden. Daher habe ich das technisch-nautische Studium in Piano di Sorrento absolviert und bei Hapag-Lloyd neun Jahre lang in verschiedenen Offiziersrängen, davon mehrere als leitender Chef-Offizier, gearbeitet. Seit Sommer 2013 bin ich auf der Silver Explorer – als erste Kapitänin auf einem Expeditionsschiff, und nun hier auf der Silver Discoverer.

Wie schwer haben Sie es als „Frau am Steuer“?

An Bord eines jeden Schiffes gelten strenge Hierarchien. Das geht auch nicht anders bei über 100 Crew-Mitgliedern, denn oft müssen Entscheidungen schnell getroffen werden, da kann man nicht erst alle um ihre Meinung fragen. Es ist ganz klar eine Männerdomäne – und wird das wohl künftig auch bleiben. Umso schwieriger ist es für eine Frau, sich in diesem Business zu etablieren. Trotzdem habe ich keine schlechten Erfahrungen gemacht. Sprüche wie „Ach, Sie sind der Kapitän? Können Sie das denn?“ gab es bislang nicht. Im Gegenteil: Ich bekomme viele Komplimente. Ich arbeite gern mit Männern zusammen.

Wie reagieren die Passagiere, wenn sie bemerken, dass eine zierliche, blonde Frau das Sagen hat?

Gerade von Frauen höre ich immer wieder Komplimente. Sprüche, die man sich bei einem männlichen Kollegen eher nicht erlauben würde, sind sehr selten. Als wir irgendwo anlegten, sagte mal einer: „Für eine Frau können Sie aber schon noch gut einparken.“ Mir ist es sehr wichtig, als Frau wahrgenommen zu werden. Ich trage gerne einen Rock auf dem Schiff.

Sind Sie eine autoritäre Chefin?

Ich habe den Eindruck, dass mich meine Crew als fachkompetent und fähig einschätzt. Aber gerade in anspruchsvollen Fahrtgebieten mit schlechtem Wetter, viel Eis, Nebel, hohem Wellengang ist es wichtig, dass ich als Chefin klare Strukturen vorgebe und die Mannschaft diese Anweisungen sofort und genau ausführt.

Haben Sie als Kapitänin Ihre Berufung gefunden?

Es ist alles andere als ein 08/15-Job. Wenn ich frühmorgens auf der Kommandobrücke stehe, sehe, wie die Natur erwacht, ist das so ein Augenblick, in dem ich nichts lieber machen würde. Es ist ein unbeschreibliches Gefühl, wenn ich im ersten Licht der Morgendämmerung einen Eisbären sichte oder Wale an mir vorbeiziehen.

Was macht die Navigation in Mikronesien so anspruchsvoll?

Die Kartenvermessungen stammen teils aus dem Zweiten Weltkrieg, oder das Gebiet ist schlicht nicht genau vermessen. Das bedeutet, man kann hier nicht einfach drauflosfahren und sicher sein, dass es so tief ist wie angegeben. Zudem herrschen starke Strömungen in der Nähe der Atolle und in Riffpassagen, die mit ihren teils schmalen Einfahrten sehr anspruchsvolle Navigation und ständiges Manövrieren erfordern. Zum großen Teil sind wir ständig am Driften, weil es keinen Ankergrund oder eine Pier gibt. Das ist harte Arbeit.

Wünschen Sie sich da nicht manchmal, einen Ozeanriesen zu steuern?

Das wäre sicher mal schön und es wäre relaxter, nicht immer 24 Stunden in Habachtstellung zu sein. Aber es gibt auch bei uns die Abwechslung, wo es ruhiger zugeht und wir normale Häfen ansteuern. Das gibt auch mehr Urlaubsgefühl. Die exotischen Orte sind schön, aber irgendwann will man wieder zurück in die Zivilisation.

Sie haben die Welt schon einige Male umrundet. Was hat Sie am meisten beeindruckt?

Die Antarktis zählt zu meinen Lieblingsgebieten. Nach drei Monaten Schnee, Eis und Kälte reicht es dann aber auch. Und ich bin gern im Südpazifik, aber auch nicht allzu lange. Denn ich mag keine Routine.

Auch die Schweiz hat bekanntlich ihre Reize …

… ja, ich genieße das Land – wenn ich zuhause bin. Es ist jedes Mal ein Nach-Hause-Kommen, wenn ich wieder da bin. In meinem Urlaub will ich nicht auch noch verreisen.

Was macht für Sie den Reiz des Expeditionsschiffs Silver Discoverer aus?

Sie ist sehr manövrierfähig, klein und wendig und kann daher in Gebiete vorstoßen, die Gäste von großen Schiffen niemals sehen.

Erinnern Sie sich an besonders gefährliche Situationen?

Ich habe heikle Situationen erlebt, die glücklich ausgegangen sind, beispielsweise plötzlich auftretendes schlechtes Wetter oder ein Anker, der nicht hielt. Über Bord ist bei mir glücklicherweise aber noch niemand gegangen. Das mag daran liegen, dass wir – nicht zuletzt wegen des höheren Preises – eine andere Klientel haben. Partygäste, die sich betrinken, gibt es auf Expeditionsschiffen wie diesem nicht.

Sie sind jetzt 46 Jahre alt. Wollen Sie Ihr ganzes Berufsleben auf See zubringen?

Sicher, der Job gefällt mir! Außer es ergibt sich die Gelegenheit, meinen Zweitberuf als Hubschrauberpilotin vollberuflich auszuüben. Mein Traum ist es, als Search-&-Rescue-Pilotin zu arbeiten – eine Kombination zwischen der See, der Luft und dem Land.

 

Zur Person:
Margrith Ettlin absolvierte zunächst eine Banklehre, war dann aber von der Seefahrt so fasziniert, dass sie auf einem Kreuzfahrtschiff anheuerte. Im August 2013 übernahm sie in Reykjavik das Kommando an Bord des 132 Gäste zählenden Expeditionsschiffs Silver Explorer. Heute steuert sie die Silver Discoverer durch die Weltmeere. Bevor Margrith Ettlin im März 2010 als Staff-Captain zur Silversea-Flotte stieß, war sie für die deutsche F. Laeisz Schifffahrtgruppe und davor neun Jahre als Staff-Captain des deutschen Schifffahrtunternehmens Hapag Lloyd tätig.