Man muss schon tiefer graben, um die spärlichen Informationen über den Ursprung der russischen Börse zu finden. Aufzeichnungen zufolge soll ab 1731 ein einfaches Holzgebäude in St. Petersburg einen Handel ermöglicht haben, das 1810 von einem Neubau in Stein abgelöst wurde. Der Schweizer Thomas de Thomon, der um das Jahr 1800 aus Paris nach St. Petersburg gekommen war, hatte in siebenjähriger Bauzeit das Gebäude in Form eines Peripteros, einem speziellen Typ eines antiken Tempels, konzipiert. Eindrucksvoll auf der Spitze der Wassiljewski-Insel gelegen, erinnern Schiffsmotive auf den Säulen sowie die Figuren von Neptun und Merkur als Götter des Meeres und Handels noch immer daran, dass die Sankt Petersburger Börse einst das Zentrum des russischen Fernhandels war. Heute ist die Birzha, wie die Börse seit jeher genannt wird, der Sitz der russischen Rohstoffbörse Spimex, nachdem dort zwischen 1940 und 2010 das Marine-Museum der Stadt untergebracht war.

Das Herz der russischen Börse schlägt seit dem Zusammenbruch des kommunistischen Regimes in der Hauptstadt Moskau, wo im November 1990 die Moscow International Stock Exchange ihren Betrieb aufgenommen hat. Zunächst allerdings mit einer geringen Bedeutung, wurden selbst zwei Jahre nach ihrer Gründung gerade einmal 0,3 Prozent des gesamten Wertpapierhandels über die MISE getätigt. Die meisten Wertpapiergeschäfte wurden  außerbörslich abgewickelt. Mit der Börse in Moskau entstanden im ganzen Land 21 Regionalbörsen.

Die Privatisierung von Staatsbetrieben, die größtenteils Anfang bis Mitte der 90er Jahre stattfand, ließ den Aktienhandel an der Börse Moskau deutlich ansteigen. Die Notwendigkeit einer stabilen und liquiden Börse, die Orders professionell durchführt und abwickelt, wurde deutlich. Mit der Gründung der Nationalen Assoziation der Wertpapiermarktteilnehmer NAUFOR in 1994 konnte die stark zersplitterte russische Börsenlandschaft vereint werden. Von der Nasdaq wurde das elektronische Handelssystem übernommen und am 5. Juli 1995 das Russian Trading System RTS etabliert – ein Meilenstein auf dem Weg zu einem Marktplatz nach westlichen Standards.

Einmal Himmel und zurück bitte

Kurz nach Einführung des RTS wurde auch der gleichnamige Index am 1. September 1995 ins Leben gerufen und mit einem Startniveau von 100 Punkten versehen. Der als Kursindex aufgelegte RTS-Index, der weder Dividendenzahlungen noch Kapitalmaßnahmen berücksichtigt und nach Marktkapitalisierung gewichtet ist, spiegelt die Entwicklung von bis zu 50 der größten börsennotierten Unternehmen wider. Nicht einmal zwei Jahre nach seiner Auflegung schloss der Index erstmals oberhalb von 500 Punkten, bevor der russische Aktienmarkt infolge der Russlandkrise massiv an Wert verlor. Investoren trennten sich im großen Stil von russischen Wertpapieren und sorgten für die bis dato schwersten Kursverluste des RTS-Index. Notierte der Index im Herbst 1997 noch bei über 571 Punkten, fiel er bis August 1998 unter sein ehemaliges Startniveau von 100 Punkten.

Hohe Abhängigkeit vom Ölpreis

Von der Staats- und Finanzkrise konnte sich Russland erstaunlich schnell erholen. Bereits 1999 war der Rückgang der Wirtschaftsleistung des Landes um rund fünf Prozent wieder aufgeholt. Während das russische Bruttoinlandsprodukt zwischen 1999 und 2005 im Schnitt um 6,5 Prozent pro Jahr zulegen konnte, wurden am Aktienmarkt spektakuläre Kursgewinne verzeichnet. Im Herbst 2005 erreichte der RTS erstmals die Marke von 1.000 Punkten. Im Frühjahr 2007 hatte sich der Index auf mehr als 2.000 Punkte ein weiteres Mal verdoppelt. Erst der Ausbruch der weltweiten Finanzkrise und ein damit verbundener dramatischer Einbruch des Ölpreises setzten der Rekordjagd in Moskau ein jähes Ende. Im Januar 2009 hatte sich der Index gegenüber den Rekordhochs auf weniger als 500 Punkte geviertelt. Wieder einmal hatten sich dabei die große Abhängigkeit der russischen Wirtschaft vom Ölpreis und die sehr hohe Gewichtung von Energiewerten wie Gazprom oder Lukoil im RTS als Fallstrick erwiesen.

Als im Sommer 2011 das Russian Trading System und die Devisenbörse Micex ihren Zusammenschluss bekannt gaben, um den Finanzplatz Moskau im internationalen Wettbewerb zu stärken, hatte sich der RTS bereits wieder auf rund 2.000 Punkte erholt – nur um unter dem Eindruck der Eurokrise in den Folgejahren erneut auf 600 Punkte zurückzufallen.

Trotz der verhängten Sanktionen infolge der Krimkrise und eines deutlich unter seinen Rekordständen notierenden Ölpreises scheint die russische Wirtschaft nun abermals die Wende zu schaffen. Im zweiten Quartal 2017 konnte die Wirtschaftsleistung mit einem Plus von 2,5 Prozent so stark zulegen wie zuletzt 2012. Auch an der Börse steigt wieder die Zuversicht. Seit Anfang 2016 ist der RTS-Index um rund 80 Prozent auf über 1.100 Punkte gestiegen.

Am einfachsten können Anleger mit starken Nerven mit ETFs wie dem Lyxor Ucits ETF Russia (WKN: LYX0AF) vom neuen Aufschwung in Russland profitieren. Fragt sich nur, wie lange er diesmal anhalten wird.