Herr Hecker, Sie haben Deutschland vor 35 Jahren verlassen und sind seitdem auf der ganzen Welt tätig gewesen, aber nie wieder in der Heimat. Fehlt Ihnen etwas?

Mir fehlt eigentlich nichts. Das Leben mit all seinen Facetten und Anforderungen beschäftigt mich vollauf. So bleibt mir wenig Zeit, mich um das zu sorgen, was ich nicht habe. Ich kehre aber immer wieder gerne in die alte Heimat zurück, um mich dort an den Dingen zu weiden, die mir im Ausland versagt sind. Ich vermisse die Beziehungen mit den in Deutschland lebenden Familienmitgliedern sowie auch den Kontakt zu alten Freunden und vor allem, dass man auf Grund der Distanz wenig neue Erlebnisse miteinander verzeichnen kann.

Beschreiben Sie unseren Lesern doch bitte kurz Ihren Werdegang.

Ich begann meine Hotelkaufmannslehre in dem hundert Jahre alten Grand Hotel Sonnenbichl in Garmisch-Partenkirchen, in dem ich das Hotelwesen von der Pike auf erlernen durfte. Nach nur wenigen Stationen in Deutschland trat ich meine erste Anstellung in Asien im Holiday Inn Harbour View in Hongkong an. Es folgten Singapur, Malaysia und Bangkok, bevor ich 1990 als General Manager des heutigen Intercontinental Grand Stanford nach Hongkong zurückkehrte. Dort blieb ich dann für 15 Jahre. 2006 reizte mich Schanghai, wo ich ein Jahr lang im JC Mandarin arbeitete, bevor ich von der Shangri-La-Gruppe eingestellt wurde, um ein Hotelprojekt in Futian/Shenzhen zu eröffnen. Nach dreieinhalb Jahren übergab man mir die Führung des Shangri-La in Jakarta und in 2013 ging es weiter ins Shangri-La Hotel, Dubai.

Um den Gästen ein Maximum an Service und Wohlfühlatmosphäre zu gewährleisten, müssen die Mitarbeiter zufrieden mit ihrem Job und hochmotiviert sein, egal welche Tätigkeit sie ausüben und in welcher Gehaltsklasse sie sich befinden. Wie erreichen Sie das?

Die Motivation des Personals ist eine unserer wichtigsten Aufgaben. Im Großen und Ganzen war der Führungsstil in den Häusern, in denen ich zuvor gearbeitet habe, nicht sonderlich unterschiedlich. Man muss das Personal mit Respekt und Verständnis leiten, die kulturellen Grundwerte kennen und mit einbeziehen und sollte sicherstellen, dass eine gute Balance zwischen Arbeit und Freizeit besteht. Entsprechende Belohnung und Anerkennung sind wichtig. Die Leistungen des Einzelnen müssen durch Bezahlung und Karriereentwicklung gefördert werden.

Und wie ist es in Ihrer aktuellen Rolle im Shangri-La in Dubai? In einer Stadt, in der Menschen aus 173 Ländern leben.

In Dubai ist es tatsächlich ein wenig komplizierter. Unser Personal kommt aus 60 verschiedenen Ländern. Es ist nicht einfach, die Erwartungshaltung von jedem zu treffen und auf einen Nenner zu kommen. Aber wir versuchen unser Bestes. Für unsere neuen Mitarbeiter haben wir einen Onboarding-Prozess entwickelt, der sicherstellt, dass alle Notwendigkeiten wie Verträge, Flüge, Unterkunft, Visa etc. abgesichert sind. Eine große Aufgabe, wenn man bedenkt, dass wir jährlich um die 120 neue Mitarbeiter einstellen.

Was gefällt Ihnen an Dubai besonders gut und wie schaffen es die Menschen aus den unterschiedlichsten Kulturkreisen, den unterschiedlichen Religionen, bei den enormen Unterschieden zwischen Arm und Reich, auf so engem Raum friedlich zusammenzuleben? Was macht der Rest der Welt falsch?

Was mich an Dubai fasziniert, ist der Wagemut, mit welchem fortwährend an neuen Superlativen gearbeitet wird. Die Entwicklung schreitet weiterhin rasant voran und der Fortschritt, den ich in den letzten dreieinhalb Jahren miterleben durfte, ist phänomenal. Es gibt hier einfach nichts, was es nicht gibt!

Das friedliche Zusammenleben aller Menschen in diesem Babylon-ähnlichen Emirat liegt einzig und alleine an der Führung des Landes und insbesondere in der Hand der Herrscher der Emirate. Schon in den Gründerzeiten der VAE hat Sheikh Zayed darauf bestanden, dass alle, die hier leben und arbeiten, ihre Freiheit genießen dürfen, dass sie ihre Religionen und Bräuche im Lande frei praktizieren dürfen und dass alle die gleichen Rechte haben. Diese Prinzipien haben bis heute Bestand. Intoleranz wird nicht geduldet, und wer gegen die Regeln verstößt, wird des Landes verwiesen.

Arm und Reich leben zusammen, und beide brauchen sich gegenseitig. Ohne die Arbeiter aus dem Ausland hätte der Fortschritt hier nie Einzug gehalten. Ohne die Arbeit und Bezahlung hier in Dubai hingegen wären viele Menschen der Armut in ihren Heimatländern ausgesetzt. Jeder hat die Chance, etwas aus sich zu machen, und ich hatte mehrmals die Gelegenheit, Multi-Millionäre kennenzulernen, die vor vierzig Jahren nur mit einer Tasche hier ankamen. Erfolg wird in Dubai bewundert und nicht beneidet.

Wie kann Dubai es schaffen, die Attraktivität, den „Wow-Faktor“ aufrechtzuerhalten, um Besucher, die bereits einmal da waren, nochmal so zu begeistern? Reicht ein noch höheres Gebäude oder eine weitere aufgeschüttete Insel aus?

Wenn man sich die künftige Planung der Infrastruktur anschaut, wird einem bewusst, dass die Entwicklung spezieller Zonen darauf ausgerichtet ist, dass diese Stadt im Laufe der nächsten zehn Jahre zu einer Metropole zusammenwächst. Die Kombination von Luxus, Sonne und Meer, Themenparks, Naturerlebnissen, Shopping, Wining & Dining, Sport, internationaler Veranstaltungen, Kultur und Handel wird einen weitreichenden Markt ansprechen. Alleine im Umkreis von vier Flugstunden leben mehr als eine Milliarde Menschen in Ländern, in denen ein ständiges Wachstum der Mittelklasse absehbar ist. Die VAE sind sicher, das wird weiterhin viele Investoren anziehen, die in lokale Immobilien investieren möchten. Die Weltausstellung in 2020 wird international viel Aufmerksamkeit auf Dubai ziehen und somit das Interesse von zukünftigen Touristen mit beeinflussen.

Der Ausdruck Work-Life-Balance ist in aller Munde. Wie bekommt man die Familie und den Job unter einen Hut, wenn man auch noch alle paar Jahre in ein völlig anderes Land umzieht?

Zuerst muss man einen Lebenspartner haben, der bereit ist, diese ständigen Wechsel in Kauf zu nehmen. Obendrein hat es seinen Reiz, wenn man immer mal wieder in ein neues Umfeld kommt und neue Kulturen kennenlernen darf. Für die Kinder ist die Herausforderung scheinbar kein größeres Problem, da sie in der Schule schnell neue Freundschaften schließen. Die private Schulausbildung läuft heute in vielen Ländern parallel, je nachdem ob man das britische oder amerikanische Schulsystem wählt.

Was macht Gerhard Hecker am liebsten in seiner Freizeit?

Verschiedenes! Ich widme mich mit großer Freude meinen zwei Söhnen, die fünf und zehn Jahre alt sind, fahre auf meiner BMW R 1200 GSA durch die Wüste und die Berge, spiele mit meiner Frau Golf, gehe fischen und koche mit großer Begeisterung.

Vielen Dank für das Gespräch.