13 Jahre, 3 Monate und 16 Tage
Am Erscheinungstag dieses Magazins wurde der Euro (Bargeld) 13 Jahre, 3 Monate und 16 Tage alt. Ob an seinem 14. Geburtstag noch alle 12 Geburtshelfer dabei sein werden, ist allerdings fraglich.

Am 15. Januar verblüffte die Schweizerische Nationalbank die Weltbörsen mit der Aufhebung ihrer Kursuntergrenze des Schweizer Frankens gegenüber dem Euro. Sorgte die Hüterin des eidgenössischen Geldes bis dahin dafür, dass 1 Euro nicht mehr kostete als 1,20 Franken, überlässt sie ihre Währung seither dem Wechselspiel der Marktkräfte. Als die Meldung über die Ticker lief, stand die Finanzwelt Kopf. Binnen Minuten war jeder Euro nur noch gut 80 Rappen wert. Selbst am Ende dieses denkwürdigen Tages war der Franken noch 18 Prozent teurer als am Abend zuvor.

„Die Aufhebung war nur eine Frage der Zeit“, glaubt Charles Wyplosz, Direktor des International Center of Monetary and Banking Studies. „Die Aussicht auf eine Beschleunigung des Kapitalzuflusses und auf potenziell enorme Devisenmarktinterventionen scheint die Haupt-
sorge der Schweizerischen Notenbank gewesen zu sein.“

Hintergrund: Der Schweizer Franken galt insbesondere seit der Finanzkrise im Jahr 2008 als Hort der Sicherheit und erfreut sich in aller Welt einer sehr hohen Beliebtheit. Weil eine steigende Nachfrage auch bei Währungen zu steigenden Preisen führt, stand die Währung der Eidgenossen unter permanentem Aufwertungsdruck. Allein im Zuge der europäischen Schuldenkrise wurde er gegenüber dem Euro um rund 15 Prozent teurer. Den Franken im Zaum halten oder ihn gar drücken konnte die Schweizer Notenbank allein durch sogenannte Devisenmarktinterventionen: Sie druckte Franken und verkaufte sie am Devisenmarkt.

Gelddrucken in Grenzen

Am 6. September 2011 verkündete die Schweizerische Nationalbank einen Mindestkurs des Frankens gegenüber dem Euro. Durch unbegrenzte Devisenmarktinterventionen garantierte sie, dass der Wechselkurs nicht unter 1,20 Franken für einen Euro fällt. Die Notenbank hielt die Schwelle eisern. Das füllte ihre Tresore immer mehr mit Euros und Dollars, die sie im Austausch für die frisch gedruckten Franken erhalten hatte. Allein zwischen März 2009 und Juni 2010 verkaufte die SNB rund 70 Milliarden Franken und bunkerte im Gegenzug Euros.

„Die Schweizerische Nationalbank hatte keine andere Wahl, als riesige Devisenreserven anzuhäufen“, meint denn auch Wirtschaftsprofessor Wyplosz, „die Abkehr vom Mindestkurs bot einen Ausweg aus diesem Zwang.“ In der Tat kann eine Notenbank theoretisch die eigene Währung nach Belieben schaffen und damit gleichsam die ganze Welt aufkaufen. Doch die Praxis setzt oftmals Grenzen – auch für die Schweizer Notenbank. SNB-Direktoriumsmitglied Fritz Zurbrügg zufolge wären hochgerechnet allein im Januar zur Verteidigung der Kursgrenze Devisenkäufe für etwa 100 Milliarden Franken nötig gewesen.

Ganz abgesehen von möglichen Verlusten. Ökonom Wyplosz: „Je größer die Eurobestände, desto größer werden die potenziellen Verluste an dem Tag, an dem der Mindestkurs aufgegeben wird.“ Nach dem sogenannten Frankenschock (Aufhebung der „Euro-Bindung“ durch die SNB am 15.01.2015) sind feste Wechselkursbindungen auf der ganzen Welt in den Fokus des Interesses gerückt. Dabei gibt es die unterschiedlichsten Konstellationen.

Besondere Bindung

Nostalgiker, die sich die Deutsche Mark zurückwünschen oder solche, die sich mit dem Euro partout nicht anfreunden können, sollten nach Bosnien-Herzegowina reisen. In den Bars der Hauptstadt Podgorica und auch sonst im Lande kann man überall mit der Deutschen Mark bezahlen. Es ist eine Währungsbindung der besonderen Art: Die Konvertible Mark – oder konvertibilna marka – ist genauso viel wert wie die alte Deutsche Mark und hat denselben Wechselkurs zum Euro (1 EUR = 1,95583 DM).

In Bosnien-Herzegowina etablierte sich das deutsche Geld während des Krieges von 1992 bis 1995 als Währung. Später wurde die Konvertible Mark eingeführt und im Verhältnis 1:1 durch D-Mark-Zentralbankbestände gedeckt. Bis 1998 gab es in den drei ethnisch kontrollierten Teilgebieten von Bosnien und Herzegowina drei verschiedene Währungen: den Bosnischen Dinar, die Kroatische Kuna und den Jugoslawischen Dinar. Inoffiziell und als Anlagewährung waren die deutschen Scheine und Münzen schon zu dieser Zeit weit verbreitet. Das erleichterte die Entscheidung, die neue Landeswährung an die D-Mark zu binden – zumal „Mark“ ein Name ohne unerwünschten politischen Beigeschmack war und von den Vertretern aller drei Volksgruppen akzeptiert wurde.

Seit dem 22. Juni 1998 ist die Konvertible Mark die Währung von Bosnien und Herzegowina. Bis 2001 war sie im Verhältnis 1:1 an die Deutsche Mark gekoppelt, seit 2002 an den Euro. Eine Besonderheit der bosnisch-herzegowinischen Banknoten ist, dass mit Ausnahme der 200-KM-Note jede Banknote in zwei Varianten, nämlich in einer für die Republika Srpska und in einer anderen für die Föderation gefertigt wurde. Alle gelten indes uneingeschränkt im ganzen Land.

Festhalten und loslassen …

Der Renminbi, im Westen auch Yuan genannt, ist die 1949 eingeführte Währung der Volksrepublik China und eine der wenigen Währungen, die bis vor einigen Jahren einen fixen Wechselkurs hatten. Dieser rührte aus der Bindung an den US-Dollar her. 1994 wurde er zunächst inoffiziell und später offiziell mit einer Bandbreite von 0,5 Prozent an den US-Dollar gekoppelt. Das bedeutete, der US-Dollar konnte zu anderen Währungen fallen oder steigen, der Yuan hatte jedoch immer denselben Wert zum US-Dollar.

Auch hier sorgte die chinesische Zentralbank – ähnlich wie die Schweizer Nationalbank beim Schweizer Franken – mit gezielten Devisenmarktinterventionen für das Einhalten des vorgegebenen Wechselkurses. Seit dem 21. Juli 2005 betrug der Mittelkurs im Regime der festen Anbindung 8,11 Yuan je Dollar. Von 1997 bis 2005 hielt ihn die Regierung bei knapp 2 Yuan je Dollar konstant. Im Juli 2005 verschaffte ihm Peking etwas mehr Spielraum, indem es den Yuan nur noch an einen Währungskorb koppelte und eine Aufwertung um maximal 2,1 Prozent erlaubte.

Im Korb waren neben US-Dollar, Euro, dem Japanischem Yen und dem Südkoreanischen Won auch die Währungen Singapurs, Malaysias, Russlands, Australiens, Kanadas und Thailands enthalten. Die weitere Liberalisierung des Wechselkurses wurde von der Finanzkrise gestoppt. Im Sommer 2008 kehrte China wieder zu einem festen Wechselkurs zurück und fixierte das Umtauschverhältnis bei 6,8 Yuan je Dollar. Der künstlich niedrige Wechselkurs wirkte wie eine Krücke, mit der China viele seiner Exportunternehmen vor dem Absturz bewahrte. Erst im Juni 2010 gab man ihn wieder frei. Dem freien Spiel der Märkte wollte man die China-Währung indes nicht gänzlich ausliefern, Peking behielt inoffiziell die Kontrolle über die Geschwindigkeit der Aufwertung.

Nach Meinung des Vermögensverwalters Allianz Global Investors gilt der Yuan derzeit als eine der am stärksten unterbewerteten Währungen der Welt. So verwunderte es die Fachwelt wenig, dass Peking am 19. Juni 2010 die Kopplung des Renminbi an den US-Dollar aufhob.

Im vergangenen Jahr kam die Internationalisierung des Renminbi in Gang. „Der Renminbi entwickelt sich zu einer globalen Handels- und Reservewährung“, beobachten die Experten von Allianz Global Investors – und trauen der Währung weitere Stärke zu: Die zunehmende Nachfrage lässt eine allmähliche Aufwertung erwarten.“ Schon seit Jahren sind Chinas Produkte – angeheizt vom unterbewerteten Renminbi – rund um den Globus so sehr gefragt, dass sie das Reich der Mitte zum Exportweltmeister vor Deutschland und den USA gemacht haben. Dies lässt die Nachfrage nach dem Renminbi steigen und sorgt für Aufwertungsdruck, weil Kunden auf der ganzen Welt Yuan benötigen, um ihre Rechnungen bei den chinesischen Firmen zu begleichen.

Auf der Überholspur

Steigt die Währung, werden chinesische Produkte für ausländische Käufer teurer – was wiederum deren Nachfrage senkt und sich entsprechend negativ auf die Ausfuhren auswirkt. Grund genug für die Bank of China, im vergangenen Jahr wieder einmal die drohende Aufwertung ihrer Währung zu unterbrechen, um den Export zu stützen. Ein freier Währungsmarkt sieht anders aus. US-Präsident Barack Obama forderte bereits vor fünf Jahren, dass die Weltwirtschaft nur gesunden könne, wenn auch die Wechselkurse vom Markt bestimmt werden könnten.

Im Frühjahr vergangenen Jahres avancierte Frankfurt zum ersten Renminbi-Handelsplatz im Euroraum. Unternehmen können die chinesische Leitwährung seither direkt in die Gemeinschaftswährung tauschen. London, Paris und Luxemburg folgten als weitere Yuan-Zentren. Das trug dazu bei, dass die chinesische Landeswährung international immer mehr verwendet wird. So lag der Anteil des Yuan als Transaktionswährung im globalen Zahlungsverkehr im Dezember einer Aufstellung der Zahlungsverkehrsorganisation Swift zufolge mit 2,2 Prozent so hoch wie nie zuvor. Noch im Oktober hatten die Experten einen Anteil von 1,6 Prozent gemessen.

Damit hat der Yuan den Kanadischen sowie den Australischen Dollar hinter sich gelassen und steht nun auf Rang fünf dicht hinter dem Japanischen Yen, der jüngst auf einen Anteil von 2,7 Prozent kam. Die mit großem Abstand wichtigste Währung für grenzüberschreitende Zahlungsvorgänge ist nach wie vor der US-Dollar mit 44,6 Prozent vor dem Euro mit 28,3 und dem Britischen Pfund mit 7,9 Prozent.

Die Bilanz der letzten zehn Jahre zeigt die Stärke des Yuan: Seit der Aufhebung des Festkurses im Juli 2005 gewann die chinesische Währung gegenüber dem Dollar knapp ein Viertel an Wert. Im März waren rund 6,3 Yuan nötig, um einen Dollar zu kaufen.

Kein Horrorszenario

Was die feste Bindung an eine Währung oder einen Währungskorb bedeuten kann, zeigt Griechenland besonders eindrucksvoll. Im Zuge der Gründung des Euro zu Beginn des neuen Jahrtausends musste Hellas – ebenso wie die anderen Staaten der Eurozone – die Autonomie über die Geldpolitik aufgeben und an die Europäische Zentralbank übertragen, die fortan Zinsen und Wechselkurse bestimmte. Im Unterschied zu den Zeiten der Drachme kann Griechenland seither nicht mehr seine durch Misswirtschaft verstärkten Wettbewerbs- und Produktivitätsnachteile über die Abwertung seiner Landeswährung ausgleichen. Die Folge: Das Land rutschte immer tiefer in die Krise.

Mittlerweile gilt als realistisch, was lange Zeit als apokalyptisches Ereignis galt, das im schlimmsten Fall gar den Zerfall der gesamten europäischen Währungszone nach sich ziehen könnte. Das als Grexit bezeichnete Ausscheiden Griechenlands aus dem europäischen Währungsverbund ist mittlerweile kein rein hypothetisches Szenario mehr, sondern eine reale Möglichkeit. „Es gibt ein 35-Prozent-Risiko für einen Grexit“, schätzte im März etwa Holger Schmieding, bekennender Eurofreund und Chefvolkswirt der Berenberg Bank.

Kein Einzelfall

Mit dem Ausstieg aus dem Euro wäre Griechenland gezwungen, eine neue Währung einzuführen. Kurzfristig könnte der Grexit zwar zu erheblichen wirtschaftlichen und finanziellen Verwerfungen führen. Doch manche Ökonomen halten nach einer starken Abwertung der neuen Drachme um möglicherweise ein Drittel sogar eine schnellere Erholung der hellenischen Wirtschaft als im Euroverbund für möglich, weil griechische Produkte oder Urlaub in Hellas mit einer „weichen“ Währung erheblich wettbewerbsfähiger wären. Für Hans-Werner Sinn, Chef des ifo-Instituts, ist das Grund genug, für einen Euro-Ausstieg zu plädieren.

Adrian Hull, Anleihespezialist bei der Londoner Fondsboutique Kames Capital, wiederum sieht es pragmatisch: „Hält man sich vor Augen, wie viel bereits in das griechische Euro-Projekt geflossen ist, dürfte die Politik über die letzten Milliarden hinwegsehen, die benötigt werden, um den Euro auf dem Gleis zu halten.“ Der Fachmann geht daher von einem Verbleib Griechenlands in der Eurozone aus. Gleichwohl gibt er zu bedenken, dass Anleger nicht dafür entschädigt werden, dass die Regierungspartei Syriza ihr Spiel überreizen könnte. Grund genug für Hull, Anleihen unterzugewichten, die besonders stark von einem Grexit beeinträchtigt würden.