Frau Jeromin, Sie sind Head of Group Sustainability und stehen an der Spitze der Deutschen Börse beim Thema gruppenweites Nachhaltigkeitsmanagement. Was sind die Aufgaben und Ziele Ihrer tatkräftigen Gruppe?

Der Deutschen Börse kommt am Kapitalmarkt eine besondere Verantwortung zu. Dies ergibt sich aus dem öffentlich-rechtlichen Auftrag, transparente, integre und stabile Finanzmärkte zu schaffen. Um dem auch langfristig gerecht zu werden, braucht man einen sehr genauen Überblick über die Risikostruktur. Hierbei hilft eine ganzheitlichere Betrachtung von Geschäftskennzahlen. Nachhaltigkeitsdaten ermöglichen Unternehmen und Investoren eine bessere Bemessung des Unternehmenswerts und geben Einblick in das Chancen-Risiken-Portfolio in Bezug auf ökologische, soziale und Unternehmensführungsaspekte, sogenannte ESG-Informationen (Environmental, Social and Governance). Die Erkenntnis, dass klassische Finanzkennzahlen allein nicht mehr ausreichen, setzt sich zunehmend durch. Hier gibt es aber noch viel Handlungsbedarf, es müssen etwa noch entsprechende Standards etabliert werden. Um diese und andere Themen rund um nachhaltiges Finanzieren weiter voranzutreiben, haben wir zusammen mit wichtigen Akteuren am Finanzplatz zwei Nachhaltigkeitsinitiativen gegründet. Natürlich untersuchen wir auch unsere eigene Wertschöpfungskette auf wesentliche Nachhaltigkeitsaspekte und arbeiten daran, diese in allen Geschäftsbereichen weiter umzusetzen.

Sie sind auch selbst börsennotiertes Unternehmen. Bieten Sie auch eigene nachhaltige Services an?

Wir bieten zum Beispiel mittlerweile über 100 nachhaltige Indizes an. Außerdem können Anleger unter www.boerse-frankfurt.de ESG-Daten zu börsennotierten Unternehmen kostenfrei abrufen. Ab Oktober gibt es hier auch ein spezielles Schaufenster für alle an der Börse Frankfurt gelisteten Green Bonds, also Anleihen, deren Emissionserlöse ausschließlich in nachhaltige Projekte fließen sollen.

Welche Voraussetzungen muss man mitbringen, um Ihre Aufgabe zu meistern? Muss man dazu zwangsläufig ein Umwelt- oder Menschenrechtsaktivist sein?

Das nicht. Rationalität und Erfahrung mit der Analyse von systemischen Zusammenhängen sind hilfreich – und nicht zuletzt die Offenheit dafür, dass sich Dinge ändern. Auch wenn sie bislang „immer so gemacht wurden“.

Im letzten Jahr gab es in Bezug auf nachhaltige Finanzwirtschaft am Finanzplatz Deutschland viel Bewegung. Die beiden Initiativen Hub for Sustainable Finance (H4SF) und das Green and Sustainable Finance Cluster Germany wurden federführend von der Deutschen Börse ins Leben gerufen. Worum geht es dabei?

Tatsächlich hat sich einiges getan. Im Mai 2018 haben wir unsere eigene „Accelerating Sustainable Finance Initiative“ mit dem „Green Finance Cluster Frankfurt“ des Hessischen Wirtschaftsministeriums zum „Green and Sustainable Finance Cluster Germany“ zusammengeschlossen. Ziel ist es, den Transformationsprozess innerhalb der Finanzindustrie zu begleiten, das heißt zukunftsfördernde Finanzierungsstrategien umzusetzen und Strukturen zu etablieren. Das Cluster arbeitet Hand in Hand mit dem „Hub for Sustainable Finance“ (H4SF). Der Hub wurde von uns im Sommer 2017 zusammen mit dem Rat für Nachhaltige Entwicklung (RNE) gegründet und dient als Brücke zwischen Finanzwirtschaft und Politik. Übergreifendes Ziel ist es, nachhaltiges Finanzieren nicht weiter ausschließlich als „grüne Nische“ zu etablieren, sondern es in den Mainstream zu überführen.

Wie kann das von den Teilnehmern angestoßene nachhaltige Finanzsystem aussehen? Könnten Sie uns die Idee, so weit wie sie vorangeschritten ist, skizzieren? Oder zumindest einen Teilbereich, in dem es erste Fortschritte gibt?

Mit dem „Green and Sustainable Finance Cluster Germany“ haben wir aktuell den Status quo in Deutschland untersucht und in einem Baseline-Report vorgestellt. Auf dieser Grundlage arbeitet das Cluster an konkreten Projekten, wie beispielsweise der Entwicklung von Definitionen und Messmethoden für nachhaltige Finanzanlagen oder daran, den Dialog und Wissensaufbau voranzutreiben. Auch auf europäischer Ebene werden wichtige Weichen gestellt. Bei dem EU-Aktionsplan zu Sustainable Finance der EU-Kommission geht es nicht nur um Fragen der Regulierung und Offenlegungsstandards, sondern auch um einen breiteren Anwendungsbereich von Sustainable Finance. Das alles sind wichtige Schritte. Das Cluster ist hier Mitglied der sogenannten Technical Expert Group – und gestaltet den europäischen Prozess aktiv mit.

Wie profitieren Anleger von einem nachhaltigeren Finanzsystem?

Sie profitieren von zunehmender Transparenz. Durch die Erweiterung der klassischen Finanzkennzahlen um relevante Nachhaltigkeitsaspekte ist es möglich, die Entwicklung des Unternehmenswertes besser vorherzusehen. Anlegen wird dadurch risikoärmer.

Sehen Sie, dass das Thema „nachhaltige Geldanlage“ zugenommen hat?

Ja, die Zahlen sprechen deutlich dafür. Nach Erhebungen des „Forum Nachhaltige Geldanlagen“ lag das jährliche Wachstum seit 2005 bei 27 Prozent. Im Jahr 2017 summierten sich nachhaltige Geldanlagen in Deutschland bereits auf 1,4 Billionen Euro. Im Privatkundengeschäft ist allerdings noch einiges an Wissensaufbau zu leisten.

Wenn Sie uns abschließend eine persönliche Frage gestatten, wie setzen Sie privat das Thema Nachhaltigkeit um?

Konsum, Mobilität und Energieversorgung sind sicherlich Bereiche, in denen jeder einen Beitrag leisten kann. Hier achte ich auf nachhaltige Qualität. Auch in Finanz- und Versicherungsbelangen ist mir die Integration von Nachhaltigkeitsaspekten sehr wichtig.