Ausgerechnet zu einer Zeit, in der Phil Collins‘ Mega-Hit „Another day in paradise“ Platz 1 der japanischen Musikcharts belegte, markierte der japanische Leitindex Nikkei 225 am 29. Dezember 1989 sein bisheriges Allzeithoch bei 38.915 Punkten. Während sich die Anleger dank gewaltiger Börsengewinne in den Armen lagen, handelte der Song ironischerweise von der Armut, und vielleicht dürfte schon damals so manch ein Anleger eine böse Vorahnung gehabt haben.

In den Jahrzehnten zuvor war die Entwicklung Japans zu einer der weltweit führenden Wirtschaftsnationen beispiellos. Zwischen 1950 und 1973 wuchs die Wirtschaft mit einer durchschnittlichen Wachstumsrate von 10 Prozent pro Jahr. Die Wirtschaftsleistung Japans hat sich während dieser Periode sage und schreibe verfünffacht und lag erstmals in der Geschichte über dem Bruttosozialprodukt von Frankreich, Deutschland oder Großbritannien. Zusätzlichen Schub erhielt die japanische Wirtschaft in dieser Zeit von wichtigen Ereignissen wie den Olympischen Sommerspielen 1964 in Tokio oder dem Beitritt des Landes zur OECD im gleichen Jahr. Japan entwickelte sich zur Lokomotive Asiens und bereitete den Weg für eine spürbare Wachstumsbeschleunigung in anderen asiatischen Ländern wie China oder Korea. Wie keine zweite Nation hat es Japan dabei geschafft, ausländische Technologien zu adaptieren, die eigene Produktivität zu steigern und die Lücke zu den führenden Industrienationen der Welt zu schließen.

Japan auf dem Weg zur Nummer 1

Zwar setzte der Ölpreisschock 1973 dem unglaublichen Wachstumstempo im Land der aufgehenden Sonne ein Ende, dennoch wuchs die japanische Wirtschaft auch in der Folge noch immer deutlich schneller als das BIP der übrigen OECD-Mitglieder. Lag das Pro-Kopf-Einkommen 1970 noch bei gut 60 Prozent des US-Vergleichswerts, stieg es bis zum Jahr 1991 auf 84 Prozent des US-Niveaus an. Die 10 weltweit größten Banken, gemessen an ihren Einlagen, kamen in den Achtzigerjahren allesamt aus Japan. Eine Zeit lang sah es tatsächlich danach aus, als könnte Japan die USA einmal als größte Volkswirtschaft der Welt ablösen.

Nach den Höchstständen Ende 1989 folgte für die japanische Börse kein weiterer Tag im Paradies mehr, die Aktien- und Immobilienblase platzte und schickte die Aktienkurse in Tokio in den Keller. Bereits im April 1990 hatte der Nikkei 225 gegenüber seinem Rekordwert 30 Prozent eingebüßt, zwei Jahre später notierte der Leitindex schon 63 Prozent unter Hoch. So beeindruckend der Aufstieg Japans über Jahrzehnte hinweg auch war, so trostlos sollten die zwei Jahrzehnte nach dem Platzen der Blase werden, in denen das jährliche Wirtschaftswachstum auf lediglich noch ein Prozent zurückging und das Land in der Deflationsspirale gefangen war. Strukturelle Probleme und eine überalterte Gesellschaft bereiten dem Land bis heute Sorgen. Japan verfügt über die am schnellsten alternde Bevölkerung der Welt, die pro Jahr um rund ein Prozent schrumpft und ab dem Jahr 2020 jährlich rund 700.000 Einwohner verlieren wird. Ein Viertel der japanischen Bevölkerung ist heute schon älter als 65 Jahre, 10 Millionen Japaner haben bereits ihren 80. Geburtstag gefeiert, auf der anderen Seite liegt die Geburtenrate des Landes seit Jahren auf einem Rekordtief. Weil die arbeitende Bevölkerung immer weniger und älter wird, haben japanische Firmen zunehmend Schwierigkeiten, geeignetes Fachpersonal zu rekrutieren.

An der Börse setzte sich der Abstieg weiter fort: Als die internationalen Finanzmärkte nach dem Platzen der Technologie-Blase 2003 ihre Tiefststände markierten, hatte der Nikkei 80 Prozent gegenüber seinen einstigen Spitzenkursen verloren. Zwischenzeitliche Comebackversuche des japanischen Index wurden 2007 von der Finanzkrise, später von der Reaktorkatastrophe von Fukushima jäh gestoppt. Erst mit dem Amtsantritt von Ministerpräsident Shinzo Abe im Dezember 2012 kehrte die Hoffnung nach Japan zurück. Im Rahmen seiner 3-Pfeile-Strategie kündigte der neue Premier eine mutige Geldpolitik, eine flexible Fiskalpolitik sowie eine Wachstumsstrategie an, die massive Investitionen in den privaten Sektor nach sich ziehen sollte. Die sogenannten Abenomics standen für eine gewaltige Geldschwemme durch die japanische Notenbank, kreditfinanzierte Konjunkturprogramme der Regierung sowie umfangreiche Deregulierungen und Reformen in vielen Bereichen der Gesellschaft. Die in 2013 verabschiedeten fiskalischen Stimuli sowie die quantitative und qualitative Lockerung der Geldpolitik, mit der man ein Inflationsziel von 2 Prozent erreichen wollte, sorgten rasch für erste Erfolge: In der ersten Jahreshälfte 2013 erreichte die japanische Industrie mit einem Produktionszuwachs von vier Prozent einen Bestwert unter den G7-Staaten, der Nikkei sprang im Jahresverlauf um satte 57 Prozent an.

Positive Konjunktursignale geben Zuversicht

Inzwischen scheint sich der Aufschwung an der Kabutocho, dem Sitz der Börse in Tokio, zu verfestigen. Im ersten Quartal konnte der Nikkei auf ein neues 52-Wochen-Hoch klettern, seit Juni des vergangenen Jahres hat der Leitindex rund ein Drittel zugelegt. Nach der jahrelangen Stagnation scheint die japanische Wirtschaft nun endlich wieder in Gang zu kommen. Wenngleich das Schlussquartal 2016 mit einem Zuwachs beim Bruttoinlandsprodukt um 0,2 Prozent leicht hinter den Erwartungen blieb, konnte man mit einem Plus im Gesamtjahr von rund 1,0 Prozent die durchschnittliche Wachstumsrate der vorangegangenen fünf Jahre bestätigen. Erstmals ist es der japanischen Volkswirtschaft in 2016 wieder gelungen, in jedem Quartal eines Kalenderjahres auf BIP-Basis zu wachsen. Gut möglich, dass der bisherige Rekord von acht Wachstumsquartalen in Folge aus den Jahren 1999 bis 2001 in diesem Jahr gebrochen werden kann.

Auch bei der Entwicklung der Unternehmensgewinne scheint eine Trendwende einzusetzen: Die Wirtschaftszeitung „Nikkei“ rechnete jüngst für das per März zu Ende gegangene Geschäftsjahr mit Rekordgewinnen von insgesamt 20 Billionen Yen bei den im Nikkei gelisteten Unternehmen. Mit diesem Wert könnten die Aktiengesellschaften gar die bisherige Rekordsumme aus dem vorletzten Jahr überbieten, als die überwiegend exportorientierten Gesellschaften vor allem dank der damaligen Yen-Schwäche eine neue Bestmarke aufgestellt hatten. Nun scheinen vor allem Effizienzsteigerungen in den Konzernen für das starke Ergebnis verantwortlich, hatte sich der Yen in der ersten Jahreshälfte 2016 doch deutlich gefestigt und den Exportunternehmen auf der Währungsseite das Leben schwer gemacht.

Die gleichen Währungseffekte dürften die Gewinne in diesem Jahr wieder zusätzlich befeuern, wertete die japanische Währung gegenüber dem US-Dollar seit der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten weiter maßgeblich ab. Während in den USA die Zeit der ultraexpansiven Geldpolitik allmählich zu Ende geht und die Notenbank die Zinswende längst eingeleitet hat, hält die Bank of Japan die Zinsen der 10-jährigen Anleihen mit aller Macht im Bereich von null Prozent. Vor der US-Präsidentschaftswahl haben japanische Firmen noch recht konservativ mit einem Dollar/Yen-Kurs zwischen 100 und 102 gerechnet, Ende des ersten Quartals notierte der US-Dollar allerdings schon wieder im Bereich um 115 Yen. Die neuerliche Yen-Schwäche spielt den exportorientierten Unternehmen voll in die Karten, da Auswertungen zufolge jede Abwertung des Währungspaares um fünf Yen die Gewinne der Exporteure um rund vier Prozent steigen lässt.

So erwarten die Analysten des Researchhauses Macquarie bspw. für Sony bei moderaten Umsatzsteigerungen eine Vervielfachung des Nettogewinns von 45 Milliarden Yen in diesem Jahr auf knapp 345 Mrd. Yen im übernächsten Geschäftsjahr. Eine Kaufempfehlung sprachen die Analysten des US-Researchhauses Jefferies im März für Nintendo aus. 2016 feierte der Spieleentwickler mit den Mobile-Games Pokémon GO und Super Mario Run bereits bemerkenswerte Erfolge, nun präsentierte man mit Switch eine neue innovative Spielekonsole, die mit ihren Verkaufszahlen am ersten Wochenende sämtliche frühere Produkte des Konzerns in den Schatten stellte. Die Jefferies-Analysten rechnen bei Nintendo für das laufende Geschäftsjahr mit einem Umsatzsprung von 471 Milliarden Yen auf 839 Milliarden Yen, während der Nettogewinn auf 154 Milliarden Yen zulegen soll. Im zurückliegenden Jahr dürfte der Nettogewinn noch bei 90 Milliarden Yen gelegen haben, im vorletzten Jahr wies Nintendo einen Profit von 17 Mrd. Yen aus. Technologie-Riese Sharp erhöhte Mitte Februar seine Gewinnschätzungen um mehr als ein Viertel und zählt mit einer Performance von mehr als 300 Prozent seit August letzten Jahres zu den Top-Performern an der Börse in Tokio.

Trotz der zum Teil deutlichen Kursgewinne scheint der Nikkei gerade im Vergleich zu den Börsen der übrigen Industrienationen noch viel Luft nach oben zu haben. In den vergangenen fünf Jahren lag das KGV (Kurs-Gewinn-Verhältnis) des Nikkei stets zwischen 13 und 17, während bspw. US-Aktien zuletzt ein durchschnittliches KGV von knapp 20 auf die Waage gebracht haben. Auch mit Blick auf die historischen Bewertungen scheint der japanische Aktienmarkt auf dem aktuellen Niveau noch nicht ausgereizt. Zwischen 1970 und 1980 lag das KGV stets im Bereich um 20 und stieg bis 1989 auf einen überzogenen Wert von 65 an, zum Höhepunkt des Internet-Hypes im Jahr 2000 wurden japanische Aktien gar mit den hundertfachen Jahresgewinnen bewertet. Von derartigen Spekulationsblasen ist der Nikkei derzeit weit entfernt. Die Konsensschätzungen der Gewinne liegen für das laufende Jahr bei 1.170 bis 1.180 Yen je Aktie, was eine Verdopplung des Niveaus der späten Achtzigerjahre bedeutet. Steigen die Unternehmensgewinne auf 1.500 Yen pro Aktie an und legt die Bewertung auf ein noch immer akzeptables KGV von 20 zu, ließen sich Kursziele in den kommenden Jahren bis 30.000 Punkte im Nikkei berechnen.

Analysten sehen Aufwärtspotenzial im Nikkei

Zahlreiche Analystenhäuser sehen derzeit ein außergewöhnlich gutes Chancen-Risiko-Verhältnis bei Japan-Investments. Nicht nur die steigenden Unternehmensgewinne sprechen für japanische Aktien, auch die Dividenden gewinnen zunehmend an Attraktivität. Schätzungen zufolge dürften die Dividenden für das abgelaufene Geschäftsjahr um sieben Prozent steigen und in der Summe in etwa doppelt so hoch liegen wie zu Zeiten der Finanzkrise im Jahr 2009. Immer häufiger kaufen japanische Aktiengesellschaften am Markt eigene Aktien aktiv zurück, und auch Pensionskassen und Versicherungen fahren seit vielen Monaten ihren Aktienanteil deutlich nach oben, um ihre Rendite-Ziele erreichen zu können. Weil selbst langjährige Japan-Bonds derzeit keine Rendite abwerfen, sind sie zunehmend gezwungen, ihre Depots von den Anleihe- in die Aktienmärkte umzuschichten. Letztlich bietet auch die Bank of Japan ein zusätzliches Auffangnetz für den Aktienmarkt, hat die Notenbank doch erst Ende 2016 ihr Kaufbudget für am Markt notierte ETFs von drei Billionen auf sechs Billionen Yen verdoppelt. „Es gibt weltweit keinen anderen Aktienmarkt, der einen derart fundamentalen Schutz vor Abwärtsrisiken seitens der Zentralbank und so hohe Kaufzusagen seitens der Firmen bietet“, bringt es Japan-Experte Jesper Knoll vom ETF-Anbieter Wisdom Tree auf den Punkt.

Fazit: Eine an Fahrt gewinnende Wirtschaft, steigende Unternehmensgewinne, moderate Bewertungen sowie eine Regierung und Notenbank, die dem Markt massiv unter die Arme greifen – der japanische Aktienmarkt hat Chancen, zu den positiven Überraschungen der kommenden 12 bis 24 Monate zu zählen!