Andy Warhol hätte an Peter Lynch Gefallen gefunden. Nicht alleine, weil der Finanzexperte ihm fast wie aus dem Gesicht geschnitten ist. Vielmehr, weil Lynch und Warhol eine Tatsache verbindet: sie haben mit ihrer schlichten Genialität ihre jeweiligen Branchen revolutioniert. Beide sind unerschrockene Vervielfältiger. Warhol etwa nahm sich das Porträt der Mona Lisa und druckte es nach dem Motto „30 sind besser als eine“ dutzende Male auf eine Postkarte – Weltrekord!

Und Lynch? Er machte aus 1.250 US-Dollar, die er als 23-Jähriger in Aktien des im Vietnamkrieg stark nachgefragten Luftfrachtunternehmens Flying Tiger investierte, bis heute rund 350 Millionen Dollar: Finanzrekord!

Bei beiden, dem Künstler und dem Investor, kann man die Ergebnisse ihrer Tätigkeit und die enormen Erfolge im besten Sinne als Lebenswerk verstehen. Lynch, Jahrgang 1944, also gegen Ende der großen wirtschaftlichen Depression, kam  im zarten Alter von gerade einmal 11 Jahren erstmals in Kontakt mit der Finanzwelt. Außerhalb des Klassenzimmers verdiente sich der Bostoner Schuljunge als Caddy in einem exklusiven Golf-Club seine ersten eigenen Dollars. Er schleppte nicht nur die schweren Taschen der schwerreichen Manager wie die des Fidelity-Präsidenten George Sullivan, sondern verfolgte interessiert auch deren Gespräche. Dabei ging es nicht selten um Investmentchancen und Aktienanlagen. Nach Feierabend machte sich Lynch Notizen zu den besprochenen Aktientiteln und beobachtete, dass viele der auf dem Golfplatz diskutierten Titel nach wenigen Monaten bereits deutlich im Wert zugelegt hatten.

Das Interesse war geweckt – und die Fähigkeit, aus den vielen Gratis-Informationen einen stabilen Erkenntnisteppich zu weben. Gleich mit seiner ersten Anlage in die Fracht-Airline für Vietnam, immerhin 12 Jahre später, konnte Lynch sein Investment vervielfachen und mit dem Gewinn sein Studium an der Wharton School of Finance finanzieren, das er 1968 mit dem Master of Business Administration (MBA) abschloss.

Glanzjahre als Fondsmanager

Schon während seiner Studienzeit jobbte Peter Lynch als Praktikant bei seinem späteren Arbeitgeber Fidelity, wo er im Anschluss an seinen zweijährigen Militärdienst zunächst als Wertpapieranalyst für Metallunternehmen mit einem Jahresgehalt von 16.000 US-Dollar anheuerte und später zum Leiter der Research-Abteilung aufstieg. Mit 33 Jahren übernahm Lynch im Jahr 1977 schließlich die Verantwortung des bis dato noch kleinen und unbekannten Magellan Funds, benannt nach dem portugiesischen Entdecker Ferdinand Magellan. Es sollte nicht nur der berufliche Durchbruch für Lynch werden, auch der Fonds startete unter der neuen Regie durch. Lynch managte den Fonds zwischen 1977 und 1990 und konnte mit einer durchschnittlichen Rendite von 29 Prozent pro Jahr in diesem Zeitraum den S&P 500 um fast das Doppelte übertreffen. Sogar im Crash-Jahr 1987 gelang dem Fondsmanager ein kleines Plus von einem Prozent. Aus einem Fondsvolumen von anfänglich 22 Millionen US-Dollar wurde binnen sechs Jahren ein verwaltetes Vermögen von einer Milliarde US-Dollar. Im weiteren Verlauf legten die Einlagen auf bis zu 14 Milliarden US-Dollar zu.

Der Erfolg war das Ergebnis harter Arbeit. Lynch galt als Workaholic, saß jeden Morgen um sechs Uhr bereits vor seinem Computer und befolgte konsequent seine Prinzipien. Telefonate mit Brokern etwa wurden auf exakt 90 Sekunden beschränkt, auf die Meinung anderer Marktteilnehmer gab er herzlich wenig. Als Einzelkämpfer war er geradezu besessen davon, unterbewertete Aktien gerne im Bereich der kleinen und mittelgroßen Unternehmen herauszufiltern. Die häufigen Strategiewechsel in seinem Investmentstil brachten ihm die Bezeichnung Chamäleon ein. Einzelne Titel hielten sich nicht einmal einen Monat im Portfolio. Im Schnitt wurde der gesamte Aktienbestand des Fonds dreimal pro Jahr komplett ausgetauscht. Heute halten Fondsmanager insbesondere großer Fonds viel länger an den Aktienpositionen fest. Die durchschnittliche Turnover Rate, also der Umschlag des gesamten Aktienbestandes, liegt weit unter 100 % (bei 100 % würden innerhalb eines Jahres alle Aktien einmal durch neue Aktien ausgetauscht werden).

Investieren mit Augen und Ohren

So hoch die Frequenz seiner Dispositionen, so einfach war der Investmentansatz. „Kauf, was du kennst“ lautet bis heute einer der Ratschläge der Investmentlegende, die sich gerne in den Einkaufszentren nach neuen Anlageideen umsah. Lynch hatte ein Faible für Unternehmen, die gerade auf Expansionskurs lagen und Filiale um Filiale eröffneten, wie damals etwa der Anbieter von Naturkosmetik Body Shop, der Einzelhandelsriese Wal-Mart oder die Bäckerei-Kette Dunkin’ Donuts. Der Überzeugung des Starinvestors nach müssen Anleger in ihrer Karriere nur wenige Male Titel finden, die sich verzehn- oder verzwanzigfachen, um erfolgreich zu sein. Seinen größten Coup landete Lynch mit seinem Investment in den Autohersteller Chrysler, der 1982 kurz vor der Pleite und dessen Aktie bei gerade einmal zwei US-Dollar stand. Der Fondsmanager besuchte das Unternehmen vor Ort, führte mit dem Management und der Belegschaft intensive Gespräche. Dabei fand er heraus, dass die Gesellschaft aufgrund des Verkaufs eines Unternehmensteils über mehr als eine Milliarde US-Dollar Liquidität verfügte und damit unterbewertet war. Anschließend erwarb Lynch Chrysler-Aktien im Volumen von fünf Prozent des Fondsvermögens – der nach den Statuten maximalen Gewichtung einer einzelnen Position. In den nachfolgenden Jahren vervielfachte sich der Aktienkurs von Chrysler um das Fünfzigfache.

Im Frühjahr 1990 zog Peter Lynch überraschend einen Schlussstrich unter seine überaus erfolgreiche Karriere, da er nach eigenen Worten bis dahin genügend Geld verdient hatte und künftig lediglich hin und wieder gemeinnützige Organisationen bei der Geldanlage beraten wolle.