Das Börsendebüt von Rocket Internet hätten sich die Samwer-Brüder sicherlich anders vorgestellt. Mit 37 Euro notierte die Aktie der Online-Holding im Verlauf des ersten Handelstages an der Frankfurter Börse im vergangenen Oktober deutlich unter dem Ausgabekurs von 42,50 Euro, der am obersten Ende der Preisspanne lag.

Dabei hatte Rocket Internet die Zeichnungsfrist für seine Aktien wegen der „außergewöhnlich hohen Investorennachfrage“ eigens verkürzt und den Börsengang um eine Woche nach vorne verlegt.

Nach dem gelungenen Listing des chinesischen Online-Händlers Alibaba (s. Börse Frankfurt Magazin Q4/2014) an der New Yorker Wall Street nur kurz zuvor waren die Erwartungen an Rocket Internet besonders hoch. „Man muss Aktien langfristig betrachten und nicht kurzfristig an einem Tag, einer Woche oder einem Monat“, beschwichtigte Unternehmens-Mitgründer Oliver Samwer die erregten Gemüter. Der ambitionierte Jung-Visionär sollte recht behalten. Ende Februar wechselte die Rocket-Internet-Aktie für gut 50 Euro ihre Besitzer.

Zwischenzeitlich meldeten die Berliner Brüder, die weltweit junge Unternehmen vor allem im Bereich des Online-Handels entwickeln, eine ganze Reihe neuer Beteiligungen. So legte man knapp eine halbe Milliarde Euro für einen 30-prozentigen Anteil am nach eigenen Angaben weltgrößten Anbieter von Online-Essenslieferungen Delivery Hero auf den Tisch, zu dem in Deutschland Lieferheld und Pizza.de gehören.

Neu im Portfolio sind auch Beteiligungen an einer Online-Automobil-Seite, die vor allem im asiatischen und afrikanischen Raum vertreten ist, und am Essenszulieferer Talabat aus Kuwait. Zudem meldete die Internet-Schmiede Ende Januar die Gründung eines Gemeinschaftsunternehmens mit der Philippines Internet Group, die sich auf die Gründung und Entwicklung von Web-Unternehmen auf den Philippinen konzentriert, sowie die Erhöhung der Beteiligung an HelloFresh, das seinen Kunden Kochboxen mit Rezepten im Abonnement bietet.

Aktuell finden sich über 70 Start-ups sowie mehr als 100 Minderheitsbeteiligungen an anderen Unternehmern mit insgesamt 25 000 Mitarbeitern im Samwer-Reich, das sich über die ganze Welt erstreckt: von Albanien über Ruanda bis Chile und Myanmar. Nach eigenen Angaben sind es mehr als 100 Länder, darunter vor allem schnell wachsende Schwellenmärkte. Was diese Gesellschaften eint: Alle schreiben bislang Verluste. Auch die Dachgesellschaft selbst meldete für das erste Halbjahr des laufenden Geschäftsjahres einen Fehlbetrag von 13,3 Millionen Euro. Oliver Samwer bereitet das indes keine Sorgen. E-Commerce-Firmen benötigten fünf bis neun Jahre, um die Gewinnschwelle zu erreichen, glaubt der Rocket-Internet-Vorstandschef.

Raketenstarter

„Wir sind sehr hungrig“, gibt sich Oliver Samwer selbstbewusst. Seine Mission: „Wir wollen die Alibaba in der Nicht-US- und Nicht-China-Welt sein.“ Dafür arbeite er so viel wie nötig – und schlafe vorzugsweise in Flugzeugen, um Zeit zu sparen. Die Börsengänge von Rocket und des Modehändlers Zalando haben die Samwer-Brüder längst zu Milliardären gemacht. Kein zweiter deutscher Familienclan hat in den vergangenen Jahren einen vergleichbar schnellen Aufstieg geschafft.

Um weiter wachsen zu können, hat sich die Online-Schmiede vier Monate nach dem milliardenschweren Börsengang frisches Geld über eine Kapitalerhöhung beschafft. 590 Millionen Euro sammelte man bei institutionellen Investoren durch die Ausgabe von zwölf Millionen neuen Aktien ein – Kapital für neue Übernahmen und Beteiligungen. Gute Chancen orten die Berliner nicht zuletzt in der Reisebranche. Gerade in den Schwellenländern böten Online-Buchungen „enorme Wachstumschancen“, weil es etwa in Indien und Indonesien eine große und wachsende Mittelschicht gebe. Gleichzeitig sei der Markt noch nicht durchdrungen. Über Beteiligungen an Travelbird und Traveloka will Rocket Internet an dem zu erwartenden Boom teilhaben.

Die US-Investmentbank Morgan Stanley rät zum Übergewichten der Rocket-Internet-Aktie und nennt ein Kursziel von 55 Euro. Für Analystin Kathryn Huberty können Anleger mit der Aktie auf den Internet-Boom in einigen Schwellenländern setzen. Noch weiter geht die Citigroup. Analyst Dan Homan hält die jüngsten Transaktionen der Berliner Beteiligungsgesellschaft für bahnbrechend. Er rät in seiner Ende Februar veröffentlichten Analyse zum Kauf der Aktie und erhöhte sein Kursziel von 50 auf 63 Euro.