BRIC – der Kunstbegriff aus den Anfangsbuchstaben der vier Länder Brasilien, Russland, Indien und China galt viele Jahre lang als Synonym für wirtschaftlichen Erfolg. Für manche Finanzexperten war es dennoch nur ein einfallsreicher Marketing-Gag, als Jim O’Neill im November 2001 die Abkürzung BRIC aus der Taufe hob. Ausgangspunkt war der 11. September. Der erste Gedanke des damaligen Chefvolkswirts der US-Investmentbank Goldman Sachs nach den Terroranschlägen war: Dieser Tag markiert das Ende einer Ära, in der die USA die Globalisierung dominierten. „Global Economic Paper No. 66. Building Better Global Economic BRICs“, betitelte der groß gewachsene Mann, der in einem Arbeiterbezirk Manchesters aufgewachsen ist, sein Arbeitspapier.

O’Neill überraschte die Finanzmärkte mit der Prognose, dass die vier Länder zehn Jahre später zusammen rund zehn Prozent des Welt-Bruttoinlandsprodukts erreichen würden. Die Idee prägte die Finanzmärkte wie kaum eine andere. Investoren, Unternehmen und Politiker begeisterten sich für das Konzept. Finanzinstitute lancierten BRIC-Fonds, Universitäten gaben BRIC-Forschungsprojekte in Auftrag, große Konzerne entwickelten auf diese Länder ausgerichtete Strategien.

Was anfangs nahezu illusorisch klang, wurde bald übertroffen: Schon im Jahr 2007 trugen die vier BRIC-Staaten zwei Fünftel zum Wachstum der Weltwirtschaft bei. Bis 2010 stieg ihr Anteil an der weltweiten Produktion auf 25 Prozent. Selbst während der schweren Finanz- und Wirtschaftskrise 2009 hielt sich das Quartett wacker.

Anschluss verpasst

Mit der Eurokrise drehte der Wind, die bis dahin so schnell wachsenden Schwellenländer mussten der großen Abhängigkeit vom Alten Kontinent Tribut zollen. Einer Prognose des Internationalen Währungsfonds (IWF) zufolge wird sich das Wirtschaftswachstum der Schwellen- und Entwicklungsländer dieses Jahr auf 4,3 Prozent verlangsamen. Der Wachstumsvorsprung gegenüber den Industrieländern beliefe sich dann erstmals seit Beginn des neuen Jahrtausends auf weniger als zwei Prozentpunkte.

Ein Überblick über die Wirtschaftslage der einzelnen BRIC-Länder zeigt, dass sich die Vision des BRIC-Architekten Jim O’Neill nicht erfüllt hat. Und auch die Börse spiegelt das wider: Während der in Dollar notierende MSCI BRIC Index im Fünfjahresrückblick um mehr als 20 Prozent im Minus liegt, ist DAX in diesem Zeitraum um rund 65 Prozent gestiegen.

War die BRIC-Schöpfung am Ende tatsächlich nur ein Marketing-Gag? „Ob ‚BRIC‘, ‚MIST‘, ‚NEXT 11‘ oder ‚Fragile Five‘ – Anleger sollten sich stets vor modisch geprägten Wortkreationen in Acht nehmen“, gibt Thomas Wüst, Geschäftsführer der Valorvest Vermögensverwaltung in Stuttgart, zu bedenken, „denn derartige Wortkreationen dienen vor allem der Produktindustrie, um ihre Vermarktungskonzepte auf einer entsprechend einprägsamen Investmentstory aufzubauen“.

Uwe Eilers, Vorstand der Geneon Vermögensmanagement AG in Königstein, sieht es ähnlich: „Im Grunde gab es nie eine BRIC-Story, weil Brasilien, Russland, Indien und China völlig unterschiedliche wirtschaftliche Schritte durchlaufen und jeweils politisch höchst unterschiedlich regiert werden.“ In der Tat verlief die wirtschaftliche Entwicklung in den einstigen Muster-Nationen sehr unterschiedlich. Zwei der potenziellen Weltmächte von morgen, China und Indien, scheinen auf dem richtigen Weg, während Russland und Brasilien offenkundig den Anschluss verpasst haben.

Samba-Tanz gegen die Rezession

Brasilien, die größte Volkswirtschaft Südamerikas, hat seine besten Zeiten längst hinter sich. In dem Land, dessen in Dollar gemessenes Bruttoinlandsprodukt 2011 sogar vor dem Großbritanniens lag, stagnieren Konsum und Investitionen, die Arbeitslosigkeit beginnt deutlich zu steigen. Während die Wirtschaft in einer sich vertiefenden Rezession feststeckt, verhagelte die deutlich abwertende Währung Real vor allem ausländischen Anlegern die Bilanz. Politisches Missmanagement und ein Vertrauensverlust der Bevölkerung bescheren dem Land eine Kapitalflucht: Seit Jahresanfang hat sich die Landeswährung Real zum Euro um 25 Prozent verbilligt, die Inflation ist auf 10 Prozent hochgeschnellt. Der einstige Hoffnungsträger Brasilien outet sich zunehmend als „kranker Mann der Weltwirtschaft“.

In diesem Jahr wird die Wirtschaft zwischen 2 und 3 Prozent schrumpfen, auch wenn der Internationale Währungsfonds im Sommer nur einen Rückgang von 1,5 Prozent voraussagte. Klar scheint: Auch im kommenden Jahr wird Brasilien kaum wachsen.

Das schlägt sich auch in den Einschätzungen der Experten nieder. Während die Experten der Deutschen Bank Brasilien neben Venezuela, der Ukraine und Russland zu den Staaten mit den schlechtesten Wachstumsaussichten zählen, sieht das US-Finanzhaus Morgan Stanley in Brasilien neben Russland, China, Südafrika und der Türkei den größten Reformbedarf.

Schwache Währungen

Für J.P. Morgan ist der Amazonasstaat eine der instabilsten Volkswirtschaften weltweit und damit am anfälligsten für negative Schocks aus dem Ausland. Mitte September stufte die Rating-Agentur S&P die Kreditwürdigkeit Brasiliens auf „Ramsch“-Niveau herab und den Ausblick auf negativ. S&P nahm das Kreditrating auf „BB-plus“ von „BBB-minus“ zurück. Damit verliert das mit 8,5 Millionen Quadratkilometer Fläche fünftgrößte Land der Welt den Status „Investment-Grade“, der für einige Investoren wichtig ist, weil sie nur Anleihen mit diesem Status erwerben beziehungsweise halten dürfen.

Doch ist es längst nicht nur Brasilien, dessen Wirtschaft ins Straucheln geraten ist. Auch Russland kämpft mit einer tiefen Rezession, selbst die eigene Zentralbank rechnet mit einem Einbruch der Wirtschaftsleistung von annähernd 5 Prozent. Vor allem die Talfahrt des Ölpreises belastet die Konjunktur im stark von Rohstoffen abhängigen Riesenreich. Gleichzeitig treffen die Folgen der Sanktionen wegen der Ukraine-Krise das Land hart und die Währung ist verfallen: 1 Euro kostete im Sommer 74 Rubel, ungleich mehr als die knapp 50 Rubel, die ein Jahr zuvor zu zahlen waren.

Das verteuert die Einfuhren und schränkt den Spielraum für Zinssenkungen der Zentralbank empfindlich ein. Der Leitzins von zuletzt 11 Prozent ist viel zu hoch für eine Ökonomie, die sich einer Rezession gegenübersieht: Der IWF rechnet für dieses Jahr mit einer Schrumpfung der Wirtschaftsleistung um 3,4 Prozent. Hausgemachte politische Probleme verschärfen die Lage. „Russland kämpft mit einem diktatorisch regierenden Präsidenten Putin, der weder im Inland nötige Reformen angeht noch die aufgrund der Ukraine-Krise entstandene internationale Isolation mit einem Einlenken beendet“, glaubt Vermögensverwalter Eilers.

Abschied vom zweistelligen Wachstum

China wächst zwar nach wie vor mit stattlichen Raten von mehr als 7 Prozent, doch die Zeiten des zweistelligen Turbo-Wachstums sind nach Meinung vieler Experten vorbei. Zuletzt war das Plus so niedrig wie seit 1990 nicht mehr. Wie ernst die Lage in dem 1,3-Milliarden-Einwohner-Reich ist, zeigt die überraschende Abwertung des Yuan im Sommer, die Peking mit einer stärkeren Marktorientierung des Wechselkurssystems begründete, die eigentlich aber der Exportwirtschaft den dringend benötigten Anschub geben soll.

Die Aktienmärkte in der weltweit zweitgrößten Volkswirtschaft sind zwischen Mitte Juni und Anfang September um rund 40 Prozent eingebrochen und riefen die kommunistische Regierung auf den Plan, die ein ganzes Bündel von Gegenmaßnahmen ergriff. Im Juli etwa wurde mehr als die Hälfte aller gehandelten Aktien vom Handel ausgesetzt.

Während Peking damit rechnet, dass die Wachstumszahlen in den kommenden Jahren bei rund 7 Prozent verharren, prognostiziert Goldman Sachs für 2016 nur noch ein Plus von 6,4 Prozent für die Wirtschaft im Reich der Mitte. Für 2017 veranschlagen die Analysten eine weitere Abkühlung auf 6,1 Prozent und für 2018 sogar auf unter 6 Prozent.

Geht es nach Chinas Premier Li Keqiang, verfügt die Volksrepublik über „adäquate Mittel“, um ein jährliches Wachstum von 7 Prozent zu garantieren und eine harte Landung der chinesischen Wirtschaft zu vermeiden: „Wir beschleunigen strukturelle Reformen, um das volle Potenzial der Wirtschaft zu erreichen“, versprach der Politiker bereits im Sommer.

Wachwechsel an der Spitze

Wirtschaftsexperten zufolge könnte ein anderer BRIC-Staat China als wachstumsstarke Konjunkturlokomotive entthronen: Indien. So zeichnet sich ab, dass die Wirtschaft auf dem Subkontinent in diesem Jahr erstmals schneller vorankommen wird als ihr chinesisches Pendant. Der Internationale Währungsfonds traut Indien für das Gesamtjahr ein Plus von 7,5 Prozent zu – so viel wie seit fünf Jahren nicht mehr.

Für das Fiskaljahr 2015/16 prognostiziert die indische Zentralbank sogar eine Wachstumsbeschleunigung auf 7,8 Prozent. Der charismatische Narendra Modi, der im vergangenen Mai zum Ministerpräsidenten gewählt wurde, hat einen Kurswechsel geschafft, der das Land auf einen nachhaltigen Wachstumspfad bringen könnte.
Gegenüber China kommt dem größten demokratischen Land der Welt seine deutlich jüngere Bevölkerungsstruktur, die bessere Schuldenlage und eine geringere Abhängigkeit von der Weltwirtschaft zugute. „Auf Dauer sollte das Land überproportionale Wachstumsraten haben, wenn weiter in Bildung investiert wird und einige verkrustete gesellschaftliche Strukturen wie das Kastensystem dauerhaft aufgebrochen werden können“, blickt Geneon-Vorstand Eilers optimistisch in die Zukunft.

Chance für Wagemutige

Viele Anleger fragen sich, wann ein Engagement in den BRIC-Börsen lohnen könnte. Bereits im vergangenen Jahr ließen die Anzeichen, dass die US-Notenbank Fed die ultralockere Geldpolitik leicht straffen könnte, die Währungen mancher Länder in den Keller fallen. Die Weltbank fürchtet, dass ein Zinsanstieg in den USA zu Kapitalabflüssen und höheren Zinsen in den Schwellenmärkten führen könnte. Trifft diese Prognose ins Schwarze, dürften die Märkte zunächst weiter leiden.

Vergleicht man hingegen die Wachstumsraten mit dem anämischen Wachstum in der Eurozone, wird laut der Finanzinformations- und Analysefirma Morningstar deutlich, dass die Emerging-Markets-Länder signifikant an Bedeutung für die Weltwirtschaft gewonnen haben. Als beliebtes Maß ziehen die Experten das Bruttoinlandsprodukt heran: Danach sind die USA mit einem Anteil von gut 22 Prozent oder etwa 16,8 Billionen US-Dollar an der weltweiten Wirtschaftsleistung immer noch die Nummer eins, der Euro-Raum trägt gut 17,4 Prozent oder 13,15 Billionen US-Dollar bei. Nach Angaben von Morningstar tragen die BRIC-Staaten ein Fünftel zur gesamten Weltwirtschaft bei.

Wer die wirtschaftliche Talsohle schon bald für durchschritten hält und mit einem Engagement liebäugelt, sollte sich die spezifischen Risiken vor Augen halten. „Von 2002 bis zum Beginn der Finanzkrise konnten Anleger mit BRIC-Zertifikaten und entsprechenden Fonds hervorragend an den Entwicklungen dieser Länger partizipieren“, blickt Andreas Görler, Senior Wealth Manager bei Wellinvest – Pruschke & Kalm, zurück. Den darauf folgenden Absturz bezeichnet er als erheblich. „Zwar erholte sich auch dieses Segment“, so Görler, „doch liegt seit 2010 die Schwankungsbreite bei 50 Prozent. Pauschal antizyklisch in das Segment BRIC investieren möchte der Experte derzeit nicht. Fundamental würde er allenfalls in Indien zu einem gestaffelten Einstieg raten.

„In die BRIC-Staaten sollten nur ganz Mutige derzeit investieren“, meint Gottfried Urban. Doch der Vorstand bei der Bayerische Vermögen AG sieht auch Licht am Ende des Tunnels: „In den etablierten Schwellenländern und auch den Märkten aus der zweiten Reihe wird die Mittelschicht stark zunehmen. Das sorgt früher oder später für automatisches Wachstum.“

Für jeden etwas

Wer an das Comeback der einstigen Überflieger glaubt, dem stehen verschiedene strukturierte Produkte auf BRIC zur Verfügung. Der Tracker der UBS auf den BRIC Country Rotator Index (ISIN: CH0025779734) gewichtet das Quartett alle sechs Monate neu. Dabei entfällt auf das Land mit dem höchsten Momentum 40 Prozent Gewicht, das zweite erhält 30, das dritte 20, das letzte einen Anteil von 10 Prozent.

Die Bank Vontobel wiederum setzt auf das hauseigene Best-of-BRIC-Fonds-Konzept (ISIN: CH0025781136). Anleger investieren damit in zehn verschiedene Fonds, die im Drei-Jahres-Vergleich die beste Performance aufweisen. Die gleich gewichtete Auswahl wird jährlich überprüft und gegebenenfalls angepasst.

Kostengünstig und transparent spiegelt der börsengehandelte Indexfonds DAXglobal BRIC ETF (ISIN: LU269999792) das Auf und Ab der vier Märkte wider. Goldman Sachs wiederum hält ein Zertifikat auf dieses Marktbarometer (ISIN: DE000GS0NFN6) bereit. Wer breiter gestreut auf eine Renaissance der Schwellenländer setzen möchte, findet im MSCI Emerging Markets Index ein passendes Investmentvehikel. Er bündelt große und mittlere Gesellschaften aus 23 Ländern und wird von fast allen ETF-Anbietern angeboten.

Anleger, die auf einzelne Märkte setzen wollen, können dies auch leicht umsetzen. Wer beispielsweise auf einen Umschwung in Brasilien wetten oder das Momentum in Indien nutzen möchte, kann dies mit Trackern relativ einfach umsetzen. Indien im Paket bündelt der ETF auf den MSCI India Index von db x-trackers (ISIN: LU0514695187).

Bezogen auf das Kurs-Gewinn-Verhältnis ist der russische Aktienmarkt derzeit einer der günstigsten der Welt. Risikobereite Anleger, die sich trotz der politischen Situation und der tiefen Rohstoffpreise engagieren möchten, finden im Lyxor Dow Jones Russia ETF (ISIN: FR0010326140) ein Investmentvehikel, welches das gleichnamige Börsenbarometer nahezu eins zu eins abbildet.

Wer auf die einstigen Überflieger der Weltwirtschaft setzt, sollte den Rat von Valorinvest-Chef Thomas Wüst beherzigen: „So lukrativ Investments in Schwellenländern nun auch sind – Anleger brauchen dafür einen langen Atem.“