„Wenn du einem aus meinem Volke Geld leihst, einem Armen neben dir, so handle an ihm nicht als ein Wucherer; ihr sollt ihm keinen Zins auflegen.“ So beschreibt das Buch Exodus im Alten Testament das Zinsverbot in der Antike. Hammurabi, König von Babylon, sah das anders und legte bereits im 18. Jahrhundert vor Christus den Grundstein für eines der ältesten Zinssysteme. In seinem Kodex legte er fest, dass der Satz für Silberkredite 20 und für Gerstenkredite 33,3 Prozent nicht überschreiten durfte.

„Zinsnehmen ist die naturwidrigste Erwerbsart“, rügte auch Aristoteles (384–322 v. Chr.), in dessen Zeit etwa die ersten Silbermünzen aufkamen. Dabei war der Zins im alten Griechenland gegenüber Mesopotamien im Durchschnitt – ähnlich wie später im Römischen Reich – auf rund ein Prozent pro Monat gesunken.

Die gemächliche Wirtschaftsdynamik im Mittelalter begünstigte das Zinsverbot durch die Kirche – zumal große Projekte wie Kathedralen von reichen Orden oder anderen christlichen Quellen ohne Kredite finanziert wurden. Grund genug für Martin Luther, Zinsnehmer als „Diebe, Räuber und Mörder“ zu brandmarken.

Weltweit führend

Erst die Spätrenaissance brachte die Geburt des Bankwesens mit sich. Gute Schuldner hatten die Möglichkeit, sich ab vier Prozent zu verschulden. Mit der Hyperinflation nach dem Ersten Weltkrieg stiegen auch die Zinssätze in astronomische Höhen. Seither schwanken sie mit dem Auf und Ab der Konjunktur und der Inflation. Als Hochzins-
phase der Nachkriegszeit gelten die 1970er Jahre, heute sind die Sätze so niedrig wie nie zuvor.

In den 70er Jahren begann die große Zeit der Anleihenspekulationen in den USA. Zinsen waren nicht mehr nur da, um Geld zu leihen bzw. anzulegen. Es wurde für Investoren auch zunehmend interessant, auf die Bewegung des Zinssatzes zu setzen. Michael Milken – einer der „Väter“ der fiktiven Wall-Street-Legende Gordon Gekko – galt damals als der König der Junk Bonds („Ramschanleihen“ – Anleihen von Schuldnern mit schlechter Bonität). Investmentbanken wie Drexel Burnham Lambert oder Salomon Brothers stiegen auf und verdienten Milliarden in diesem sich schnell entwickelnden Markt.

Hierzulande im großen Stil investierbar wurden Zinsen mit dem Aufkommen der Finanzterminkontrakte Ende der 1980er Jahre. Der 1990 an der Deutschen Terminbörse eingeführte Bund-Future (heute Euro-Bund-Future) ist heute zum weltweit meistgehandelten Finanzterminkontrakt mit einem auf Euro lautenden Basiswert avanciert. An den Terminbörsen in London und Frankfurt entsprechen die Umsätze einem Mehrfachen des Umsatzes in Bundesanleihen an allen deutschen Börsenplätzen zusammen.

Der Euro-Bund-Future ist ein Zinsterminkontrakt auf eine fiktive deutsche Bundesanleihe mit sechsprozentiger Verzinsung und einer Restlaufzeit von 8,5 bis 10,5 Jahren. Dabei verhält er sich wie eine festverzinsliche Anleihe. Fallen die Zinsen, bedeutet das einen steigenden Future-Kurs – und umgekehrt. Der Verkäufer eines Bund-Future-Kontrakts hat die Verpflichtung, am zuvor festgelegten Liefertag Anleihen im Nominalwert von 100.000 Euro zu liefern, während der Käufer verpflichtet ist, diese Anleihen abzunehmen. Vor allem Großinvestoren wie Banken, Versicherungen oder Industriekonzerne nutzen den Euro-Bund-Future, um sich gegen Zinsänderungsrisiken abzusichern.

Irrationale Kursbewegungen

Ende April sorgte ein „Blitz-Crash“ ohne wirklichen Grund am Rentenmarkt für ein historisches Minus beim Bund-Future: Anleger ließen Bundesanleihen fallen wie eine heiße Kartoffel, innerhalb von nur zwei Tagen verlor der weltweit beachtete Zinsterminkontrakt fast 3 Punkte – so viel wie noch nie in seiner Geschichte. Am 10. Juni notierte der Bund-Future bei nur noch 149 Punkten – ganze 12 Punkte weniger als drei Wochen zuvor.

Im Gegenzug vervielfachte sich die Rendite der „Bunds“ genannten zehnjährigen deutschen Bundesanleihen von 0,05 auf knapp über 1 Prozent. In der Schweiz lagen die Renditen der zehnjährigen Staatspapiere mit knapp minus 0,2 Prozent dagegen im negativen Bereich. Das bedeutet: Investoren zahlten den eidgenössischen Banken Zinsen dafür, dass die Banken ihnen  Geld liehen.

Händler sahen in den irrationalen Kursbewegungen mehrere Gründe. Zum einen machten sie die Käufe der Europäischen Zentralbank im Volumen von monatlich 60 Milliarden Euro dafür verantwortlich. Diese trockneten den Markt aus, weil immer weniger Papiere verfügbar seien. Zudem ist der Zinsschub die logische Folge der Konjunkturerholung.

Selbst an der Euro-Peripherie waren die Daten besser ausgefallen als von vielen Auguren erwartet. Italien fand nach mehr als drei Jahren aus der Rezession, während Spaniens Wachstum stärker zunahm als erwartet. Auch die vielbeachteten Einkaufsmanagerindizes notierten teils deutlich höher als in den Monaten zuvor.

Geht es nach den Experten von Morgan Stanley, gibt es selbst nach dem deutlichen Zinsanstieg noch viel Luft nach oben. Die Bank sieht den fairen Wert (die Rendite) deutscher Bundesanleihen bei 1,5 Prozent – und damit rund die Hälfte höher als Mitte Juni.