Nur die wenigsten Marktteilnehmer dürften mit einer solchen Reaktion auf DAS politische Großereignis 2016 gerechnet haben. Die Wahl von Donald Trump im vergangenen November zum neuen Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika war gleichbedeutend mit dem Startschuss für die Jahresendrally an der Wall Street. Erstmals in seiner Geschichte übersprang der Dow Jones die Marke von 19.000 Punkten, während der S&P 500 zum allerersten Mal auf mehr als 2.200 Zähler kletterte. Damit reagierten die Märkte bereits auf den bevorstehenden politischen Kurswechsel in den USA. Trump hatte während seines Wahlkampfs ein ganzes Maßnahmenpaket u.a. mit massiven Investitionen in die Infrastruktur des Landes sowie Steuersenkungen für private Haushalte und Unternehmen angekündigt, das in den kommenden Jahren das Wirtschaftswachstum der USA verdoppeln soll.

Politik mit begrenztem Börseneinfluss

„Politische Börsen haben kurze Beine“, heißt eine der am häufigsten zitierten und zuverlässigsten Börsenregeln. Demnach können politische Ereignisse zwar über einen gewissen Zeitraum Einfluss auf die Entwicklung der Finanzmärkte nehmen, auf lange Sicht setzen sich dann aber doch früher oder später wieder die fundamentalen Faktoren durch. Dass politische Einflüsse in der Regel nicht sonderlich lange anhalten, konnten Anleger im vergangenen Jahr gleich mehrfach beobachten. So benötigten die Märkte nach der Brexit-Entscheidung Großbritanniens nur einige Tage bis wenige Wochen, um die damit verbundenen Kursrückschläge wieder aufzuholen. Die Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten sorgte über einige Stunden für Kurskapriolen, während das Nein zum Verfassungsreferendum in Italien im Dezember binnen weniger Minuten verarbeitet wurde. Dennoch sorgen unerwartete politische Ereignisse immer wieder für Turbulenzen an den Finanzmärkten, gerade auch im Vorfeld wichtiger Entscheidungen spielen die Aktienkurse mitunter verrückt.

Wichtige Wahlen im ersten Halbjahr

Anleger sollten daher stets auch den politischen Kalender genau im Blick behalten, der selten zuvor so voll gepackt war wie in diesem Jahr. „2017 wird das politischste Kapitalmarktjahr der jüngsten Jahrzehnte“, darauf machte zuletzt Robert Halver von der Baader Bank aufmerksam – gerade innerhalb Europas stehen einige richtungweisende Entscheidungen an. Die Parlamentswahlen in den Niederlanden Mitte März geben dabei den Startschuss zu einem regelrechten europäischen Wahlmarathon. Als zweitstärkste Partei sahen Umfragen zuletzt die rechtspopulistische PVV, die sich für einen EU-Austritt der Niederlande und für eine De-Islamisierung des Landes stark macht. Mit einem vergleichbaren Wahlprogramm tritt der Front National bei der Präsidentschaftswahl am 23. April in Frankreich an. Eine Wahl von Marine Le Pen würde die Unsicherheit über den weiteren politischen Kurs des Landes deutlich zunehmen lassen. Wirtschaftlich befindet sich Frankreich weiterhin nur auf einem moderaten Erholungskurs, bei dem die volkswirtschaftlichen Institute für 2017 mit einem Wachstum der Wirtschaftsleistung von 1,3 Prozent, per 2018 mit 1,4 Prozent rechnen. Sorgen bereitet dem Land noch immer eine überdurchschnittlich hohe Arbeitslosenquote von gut zehn Prozent.

Superwahljahr in Deutschland

In Deutschland steht im September die Bundestagswahl auf dem Programm, bei der Angela Merkel ihre vierte Amtszeit anstreben wird. Dabei sieht sich die Bundeskanzlerin nicht nur einem möglichen Rot-Rot-Grün-Bündnis sowie der kaum berechenbaren AfD gegenüber. Ausgerechnet im Wahljahr 2017 könnten wirtschaftspolitische Negativentwicklungen zutage treten, nachdem sich Deutschland in den vergangenen Jahren stets als Lokomotive Europas behaupten konnte. Im ersten Halbjahr 2016 verzeichnete Deutschland ein annualisiertes Wirtschaftswachstum von rund 2 Prozent, der Arbeitsmarkt legte das zehnte Jahr in Folge zu und die Arbeitslosenquote fiel auf weniger als 6 Prozent zurück. Für dieses Jahr erwarten die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute aufgrund der schwierigen Eingliederung der Flüchtlinge und sonstigen Zuwanderer in den deutschen Arbeitsmarkt einen Anstieg der Arbeitslosigkeit. Auch das Wirtschaftswachstum wird sich Schätzungen zufolge abschwächen und nur noch bei 1 bis 1,5 Prozent liegen, kalenderbereinigt nach Einschätzung der Bundesbank aber immerhin 1,8 Prozent erreichen.

Härtere Zeiten für den Export

Gerade der Exportbranche weht derzeit ein scharfer Wind ins Gesicht. So hat der angekündigte EU-Austritt der Briten bereits für einen Dämpfer bei den Ausfuhren in den drittwichtigsten Absatzmarkt Großbritannien gesorgt, und die vom neuen US-Präsidenten proklamierten Importzölle könnten nach Ansicht von ifo-Experte Gabriel Felbermayr das deutsche Wachstum um 19 Mrd. Euro bzw. 0,6 Prozent ausbremsen. Hinzu kommt eine wieder anziehende Inflation, die einen Großteil der Lohnzuwächse der Arbeitnehmer aufzehren und auf die Konsumfreude der Deutschen drücken könnte. Auch wenn der Wahlkampf in Deutschland wesentlich sachlicher geführt werden dürfte als das Rennen um das Weiße Haus in Washington, wird die Bundestagswahl in den nächsten Monaten bereits ihre Schatten voraus werfen. Bereits im Mai steht mit den Landtagswahlen im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen ein ganz wichtiger Gradmesser an.

Deutscher Aktienmarkt mit Potenzial

Die Deutsche Bank geht davon aus, dass die zahlreichen politischen Herausforderungen das Jahr 2017 an den Aktienmärkten prägen werden. In den vergangenen drei Jahren unter der Großen Koalition ist der Deutsche Leitindex per saldo kaum von der Stelle gekommen, was Kritiker der Regierung nicht zuletzt auf einen Reformstau, zu viel Bürokratie und fehlende politische Impulse zurückführen. Während an der Wall Street im zurückliegenden Jahr dank neuer Allzeithochs die Champagnerkorken geknallt haben, notiert der DAX hingegen deutlich unterhalb seines Rekordhochs aus dem Jahr 2015. Das vergangene Jahr dürfte Anlegern als schwieriges und politisches Jahr mit vielen Überraschungen in der Erinnerung bleiben, in dem die Unternehmensgewinne sprudelten, der DAX diese Entwicklung aber nicht zu 100 Prozent mitging. So konnten die DAX-Konzerne im dritten Quartal einen Rekordgewinn verzeichnen, der 40 Prozent über den Gewinnen in 2007 lag. Zum Jahreswechsel dürften die DAX-Gesellschaften erstmals eine Bar-Liquidität von 100 Mrd. Euro erreicht haben, und auch für 2017 und 2018 scheinen ohne externe Schocks weitere Gewinnsteigerungen vorprogrammiert.

Auf Basis der Konsensschätzungen, also dem Mittelwert der gesammelten Analystenschätzungen, liegt das Kurs-Gewinn-Verhältnis des DAX zwischen 12 und 13 in diesem Jahr und dürfte im kommenden Jahr auf einen Wert zwischen 11 und 12 zurückfallen. Das ist gerade im Hinblick auf die Bewertung der Leitindizes anderer Industriestaaten außerordentlich günstig, zumal sich Investoren auch noch über eine durchschnittliche Dividendenrendite zwischen 3 und 4 Prozent freuen dürfen. Die meisten Börsenprofis zeigen sich deshalb optimistisch, was die Potenziale des deutschen Aktienindex in diesem Jahr angeht. Im Schnitt lagen die DAX-Ziele der Banken und Research-Häuser zuletzt bei 11.600 Punkten, Baader Bank und DZ Bank sowie fünf weitere Adressen trauen dem DAX bis zum Jahresende das Erreichen der Marke von 12.000 Punkten zu.

USA mit Rückenwind, aber hoher Bewertung

Zuversichtlich zeigen sich die Finanzmarktprofis auch für die USA, zumindest in Bezug auf die Wirtschaft und die Entwicklung der Unternehmensgewinne. Auch wenn es Trump schwer haben dürfte, seine ambitionierten Wachstumsziele für die amerikanische Wirtschaft zu erreichen – einen positiven Effekt auf die größte Volkswirtschaft der Welt sollte der angekündigte Stimuli-Katalog wohl in jedem Fall haben. Schon jetzt ist die laufende Expansionsphase der amerikanischen Wirtschaft die viertlängste seit dem Jahr 1933, wenngleich die Zuwachsraten in den zurückliegenden Jahren eher unterdurchschnittlich waren und die US-Blue-Chips in den vergangenen beiden Jahren sogar Gewinnrückgänge zu verzeichnen hatten. Nicht zuletzt aufgrund des versprochenen Absenkens der Unternehmenssteuern rechnen die Analysten für die US-Gesellschaften endlich wieder mit einem spürbaren Gewinnwachstum. Die Barclays Bank geht im laufenden Jahr gar vom stärksten Zuwachs bei den Ergebnissen der S&P-500-Unternehmen seit 2014 aus.

Weil der US-Aktienmarkt allerdings schon ein vergleichsweise hohes Bewertungsniveau erreicht hat und der Markt im Anschluss an die Präsidentschaftswahlen bereits gut gelaufen ist, scheint das kurz- bis mittelfristige Potenzial der US-Börsen überschaubar. Mit Kurszielen von 21.500 Punkten im Dow Jones und 2.425 Zählern im S&P 500 zeigt sich die Baader Bank derzeit am optimistischsten, während das durchschnittliche Kursziel für den Dow Jones nur knapp oberhalb von 20.000 Punkten liegt und die Landesbank Baden-Württemberg das Potenzial mit einem Kursziel von 19.000 Punkten bereits als ausgereizt sieht.

Politisches Grundrauschen auch in den Emerging Markets

Wenig Begeisterung hat der Ausgang der US-Präsidentschaftswahl in den Emerging Markets speziell in Asien ausgelöst, nachdem Donald Trump im Rahmen seines Wahlkampfs neben Importzöllen auch die Aufkündigung verschiedener Handelsabkommen auf die Agenda gesetzt hatte. Die meisten Experten gehen allerdings davon aus, dass sich Trump nach seinem Amtsantritt deutlich gemäßigter als im Rahmen des Wahlkampfs geben und bspw. keinen Handelskrieg mit China riskieren wird. Dennoch sieht die Deutsche Bank mögliche Handelseinschränkungen mit den USA als einen der Hauptrisikofaktoren für die Volksrepublik, ebenso übrigens wie eine mögliche Immobilienblase und drohende Kapitalabflüsse. Politische Nebengeräusche aus China wird es derweil im Spätjahr geben, wenn die Kommunistische Partei ihren 19. Nationalkongress abhalten wird. Die Mehrzahl der Mitglieder des momentanen Politbüros wird dabei von ihren Posten zurücktreten und Präsident Xi Jinping die Möglichkeit geben, die Führungsspitze des Landes zu einem großen Teil neu zu besetzen. Außerhalb Chinas könnten in 2017 in Thailand die ersten demokratischen Wahlen seit der Machtübernahme durch das Militär im Jahr 2014 stattfinden. Für Indien stehen für eine ganze Reihe an Bundesstaaten Wahlen an, und auch in Indonesien gelten die im Februar laufenden Gouverneurswahlen als wichtiger Test der politischen Stimmung im Land.

Globale Rohstoffnachfrage zieht an

Trotz diverser Risikofaktoren hat kaum ein Research-Haus in den zurückliegenden Monaten wesentliche Abstriche an den Wachstumserwartungen für die Emerging Markets oder gar den Prognosen für das weltweite Wirtschaftswachstum vorgenommen. Im Gegenteil: Für China werden weiterhin Wachstumsraten von mindestens 6 Prozent erwartet, und weil große Volkswirtschaften wie Brasilien oder Russland in 2017 aller Voraussicht nach die Rezession hinter sich lassen können, könnte das globale Wirtschaftswachstum gar noch etwas an Fahrt gewinnen und in diesem Jahr bei rund 3,5 Prozent liegen. Dieses robuste Weltwirtschaftswachstum und große Infrastrukturprogramme in einer Vielzahl von Ländern lassen auch die Nachfrage nach Rohstoffen wieder spürbar anziehen. Bereits im vergangenen Jahr konnten die Preise vieler Basis- und Industriemetalle wie Kupfer, Eisenerz oder Zink kräftig ansteigen.

Weil nach der Rohstoffbaisse der vorangegangenen Jahre einzelne Produktionsstätten geschlossen und zahlreiche neue Minenprojekte verschoben wurden, rechnen Branchenexperten bei einigen Rohstoffen gar mit einem Angebotsdefizit, das die Preise weiter ansteigen lassen könnte. Spannend bleibt es derweil beim Goldpreis, der in der Vergangenheit im Zuge politischer Unsicherheiten von Investoren stets als sicherer Hafen gesucht wurde. Nach einer beeindruckenden Performance in den ersten sechs Monaten 2016 musste der Goldpreis in der zweiten Jahreshälfte einen guten Teil seiner zwischenzeitlichen Gewinne allerdings wieder abgeben. Die anstehenden politischen Großereignisse sowie die an Fahrt gewinnende Inflation sind gute Argumente für einen festeren Goldpreis, den die Analystenhäuser Ende 2017 im Schnitt bei 1.286 US-Dollar je Unze, in der Spitze gar bei 1.450 US-Dollar sehen.