Für den Einzelhandel ist mit dem Weihnachtsgeschäft gerade erst die mit Abstand wichtigste Zeit des Jahres zu Ende gegangen. Branchenkenner stellten dem Sektor bereits im Vorfeld ein Rekordgeschäft in Aussicht. Dafür sprachen vor allem zwei Faktoren: eine dank der starken Entwicklung des Arbeitsmarktes grundsätzlich gute Konsumstimmung in der Bevölkerung sowie kalendarische Effekte mit mehr umsatzstarken Verkaufstagen. Stationäre Läden verbuchen in den beiden letzten Monaten eines Jahres traditionell rund ein Fünftel ihrer Jahresumsätze, während Internet-Anbieter gar bis zu einem Viertel ihrer Umsätze im November und Dezember einfahren. Auch für Europas größten Online-Modehändler ist das Weihnachtsgeschäft extrem wichtig: „Ich bin mir sicher, dass wir da nochmal einen Turbo zünden können“, kündigte Zalando-Vorstand Rubin Ritter bereits im Rahmen der Ergebnispräsentation zum dritten Quartal an. Schließlich hat Zalando mit dem stetig wachsenden Angebot an Mode und Accessoires viele Artikel, die sich als Geschenk eignen. Zudem dürfte auch der eine oder andere Gutschein unter dem Tannenbaum gelegen haben.

Schnellstart auf die Pole Position

Seit der Gründung 2008 hat sich Zalando zum größten Online-Modehändler in Europa entwickelt. Dank milliardenschwerer Anschubfinanzierung der Großaktionäre Marc, Oliver und Alexander Samwer sowie der schwedischen Kinnevik-Gruppe zählt Zalando heute zu den fünf umsatzstärksten Online-Shops in Deutschland. Die Gesellschaft hat 19 Millionen Kunden und verzeichnet jährlich über 1,6 Milliarden Seitenaufrufe. Über die Homepage www.zalando.de bietet man ein Portfolio von 150.000 Produkten und 1.500 Marken an. Der Fokus liegt auf den wichtigsten 15 Ländern Europas mit einer Bevölkerung von 425 Mio. Menschen und einem 370 Mrd. Euro schweren Markt für den Bereich Mode und Schuhe, bei dem sich Zalando ein immer größeres Stück des Kuchens zu sichern scheint. Allein in den vergangenen beiden Geschäftsjahren konnte der Umsatz mehr als verdoppelt werden, für den Fünfjahreszeitraum 2010 bis 2015 liegt die jährliche Wachstumsrate im Schnitt bei 81 %.

Starkes Wachstum

Analysten haben Zalando zuletzt vor allem auch für die Fortschritte bei der Profitabilität gelobt, weist das Unternehmen doch bereits seit 2014 schwarze Zahlen aus. Das ist für eine Gesellschaft, die vor allem in Umsatzwachstum und den Zugewinn von Marktanteilen investiert, alles andere als selbstverständlich. Tatsächlich erwirtschaftete die Gesellschaft schon vor zwei Jahren ein EBITDA (Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen) von 88 Mio. Euro und einen Nettogewinn von 47 Mio. Euro. Für 2016 erwarten die Analysten von Hauck & Aufhäuser ein EBITDA von 210 Mio. Euro und einen Nettogewinn von 132 Mio. Euro (Anm. d. Red.: bei Redaktionsschluß lagen die tatsächlichen Zahlen noch nicht vor). Damit ist die Profitabilität noch stärker gewachsen als der Umsatz. Und genauso soll es nach Einschätzung des Investmenthauses Macquarie weitergehen, die den Titel jüngst in einer 50 Seiten starken Unternehmensstudie mit einem Kursziel von 50 Euro taxiert haben (Stand 15.12.16: 35.57 EUR).

Marktanteile verdoppeln

Bis zum Jahr 2020 soll der Umsatz demnach von derzeit 3,7 Mrd. auf 8 Mrd. Euro und das EBITDA von 210 Mio. auf 606 Mio. Euro zulegen. Für das Jahr 2025 kalkulieren die Experten einen Umsatz von 17 Mrd. Euro und ein EBITDA von knapp 1,5 Mrd. Euro. Auch die Marktanteile sollen sich in den kommenden fünf Jahren mehr als verdoppeln. Dabei ist Zalando nicht nur profitabel, sondern auch hervorragend finanziert. Die Gesellschaft hat keinerlei Schulden, dafür aber einen Kassenbestand von 1,1 Mrd. Euro. Zusammen mit dem Cashflow von einer halben Milliarde Euro lässt sich damit das weitere Wachstum locker finanzieren, zumal sich das bisherige Geschäft nach den Erfahrungen der vergangenen Jahre zuverlässig kalkulierbar nach oben skalieren lässt.

Großes Potenzial bietet die bereits vor wenigen Jahren angestoßene Entwicklung von Zalando vom reinen Online-Shop zum Internetmarktplatz, bei dem man die Internet-Plattform Drittanbietern zur Verfügung stellt. Damit tritt man in die Fußstapfen des Internet-Riesen Amazon, der sich bereits im Jahr 2000 gegenüber Drittanbietern geöffnet hatte. 2009 erzielte Amazon bereits die Hälfte seiner Bruttoerlöse über den Marktplatz, heute dürften es rund drei Viertel sein. Mit dieser Strategie ist es Amazon gelungen, zum größten Einzelhändler in den entwickelten Ländern aufzusteigen. Zalando könnte diese Entwicklung im Bereich des europäischen Modehandels nun wiederholen, denn gerade in stark fragmentierten Branchen wie auch dem Modehandel entwickeln sich besonders häufig dominante Internetmarktplätze – etwa booking.com im europäischen Hotelsegment, Scout24 und Rightmove im Bereich der Immobilien oder Just Eat und Open Table in der Gastronomie.

Breit aufgestellt

Mit der Weiterentwicklung des Mode-Marktplatzes im Internet sichert sich Zalando einen wesentlichen Vorteil gegenüber der Konkurrenz wie Zara oder H&M. Diese verfügen zwar über eine starke Markenpräsenz und eine hohe Kundenloyalität, viele Kunden wünschen sich aber einen breiten Überblick über das vorhandene Angebot, ohne hierfür ständig die Website wechseln und von Anbieter zu Anbieter springen zu müssen. Sollte in Zukunft nur rund ein Viertel der Verkäufe der europäischen Modebranche über die Plattform abgewickelt werden, würden sich für Zalando in den kommenden Jahren gewaltige Möglichkeiten ergeben.